
Wenn ich am Computer prokrastiniere, hänge ich manchmal auf Reddit rum und lese ungefähr alles, was mir in die Finger kommt. Und neulich ist mir dort der schlechteste Take ever zum Thema „Kochen“ untergekommen. Ursprünglich ging es darum, wie absurd es sei, dass manche Erwachsene sagen, sie könnten nicht kochen. Schließlich gehe es doch meist nur darum, den Instruktionen in einem Rezept zu folgen.
In den Kommentaren wurde dann aufgeklärt: Dinge nach Rezept zuzubereiten sei kein richtiges Kochen. „Richtiges“ Kochen, diesen Leuten zufolge, ist nur, wenn man aus einem Haufen zufällig gewürfelter Zutaten komplett ohne Input von außen etwas zubereitet, was dann bitte möglichst genial schmeckt. Rezepte zählen nicht. Die werden höchstens zubereitet.
Alle Köch*innen in Ausbildung lachen sich jetzt wahrscheinlich tot, denn im Rahmen ihrer Ausbildung lernen die unter anderem grob geschätzt eine halbe Million Rezepte – für bestimmte Saucen, Suppen, Gewürzmischungen, Beef Wellington, …
Und klar, im Lauf einer Küchenkarriere kommt man hoffentlich, so der Wunsch vorhanden ist, an den Punkt, an dem man eigene Speisen kreiert. Aber die Grundlage des Berufs sind auf jeden Fall etablierte Rezepte, denen möglichst genau zu folgen ist.
Die Menschen aus der oben genannten Kommentarspalte schließen daraus jetzt: Köch*innen in den ersten drei/fünf/siebzehn Jahren ihrer Karriere kochen eigentlich gar nicht richtig.
Das gilt übrigens auch fürs Häkeln. Ich behaupte ja immer, dass ich häkle, aber dabei folge ich Mustern, die andere Menschen geschrieben haben. Ich bereite Garn zu.
Diese Form von Türsteher-Mentalität gibt es in allen Lebensbereichen. Du läufst den Kilometer in mehr als sechs Minuten? Sorry, eigentlich läufst du gar nicht. Du spielst ein Instrument, aber nur mittelmäßig und zum Vergnügen? Nee, du bist kein*e echte*r Musiker*in. Freilichtbühnentheater? Das soll Schauspiel sein? Text nach Drehbuch aufsagen? TSK! Und beim Schreiben findet man das natürlich auch. Selfpublishing ist kein richtiges Schreiben, Fanfiction ist kein richtiges Schreiben, Fantasy ist keine richtige Literatur (und Horror und Liebesromane erst recht nicht!), bla bla bla, etc. pp ad nauseum.
Keine Ahnung, was solche Leute sich dabei denken. (Denken die überhaupt richtig oder folgen die nur einem Skript, das sie irgendwo mal gesehen haben?) Vielleicht kochen sie gern frei Schnauze und benutzen das als Haupt-Identifikationsmarke. Vielleicht haben sie Angst, dass es sie abwertet, wenn andere Leute auch behaupten, zu kochen, obwohl sie „nur“ einem Rezept folgen.
(Irgendwer schrieb sogar, er – ja, er – backe nicht, weil da *müsse* man ja dem Rezept folgen, sonst wird das nix, und deswegen sei Kochen die eigentliche Schwierigkeit. Ich vermute ja, da hat jemand einfach die Physik und Chemie hinter Kochen und Backen nicht ganz verstanden. Klar kann man aus der hohlen Hand heraus backen. So entstehen neue Rezepte … die andere dann nachbacken, wenn sie wollen. ^^)
Zuletzt gesehen habe ich das übrigens beim Radfahren. E-Bike-Fahrende fahren gar nicht wirklich Rad. Die mogeln. Vermutlich ist Magie im Spiel. Richtig Rad fährt nur, wer am Berg so richtig schön hufft und pufft.
Worauf will sie hinaus? Egal. Lass dir von solchen Türstehern nichts einreden. Es ist nämlich gar nicht so, dass die einen Schatz bewachen, zu dem sie dich nicht reinlassen wollen – die sitzen in ihrem geistigen Gefängnis und trauen sich nicht zu dir nach draußen. Und jetzt geh und tu, was immer du tun willst, auf die Art, die dir am besten liegt, und amüsier dich dabei bitte möglichst gut.
Entdecke mehr von diandras geschichtenquelle
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.
„You’re not doing real magic, you’re just casting spells from a book!“ Jaja…
Ich finde Rezepte wunderbar, weil sie für mich nichts andres sind als eine Dokumentation: „Seht, so hat es für mich funktioniert“. Und wenn man ein paar mal nach Rezept vorgegangen ist und sich für das interessiert was man da so tut, weiß man irgendwann, was essentiell ist und was Geschmackssache, fängt an, zu modifizieren + experimentieren. Das ‚frei Schnauze‘ kommt dann irgendwann (bei mir bis heute nicht so richtig, aber das liegt einfach an meiner Trägheit. Ich koche total gern und total selten, klingt komisch, ist aber so).
Wenn ich dann noch verraten würde, dass meine Freundin und ich einen Thermomix haben (dem, potzblitz, es auch beim ‚guided cooking‘ völlig egal ist, wenn man andre Zutaten reintut als das Rezept sagt, oder ganz weglässt), bin ich für einige vermutlich eh schon unten durch :D
Ich kann gerade so Noten lesen aber kaum vom Blatt spielen, ich spiele meist nach Gehör und ‚frei Schnauze‘ (und das ‚frei Schnauze‘ entstand indem ich ganz ganz viele Sachen die ich mochte, nachgespielt habe). Ein bißchen westliche Musiktheorie (hauptsächlich eben Töne und Akkorde) hab ich dann auch drin, weil sie wunderbar hilft, mit andren Musikerinnen zu kommunizieren. Auf die Idee, dass Leute die nicht nach Gehör spielen können, keine echten Musiker seien, käme ich im Leben nicht. (Ich bewundere nach wie vor Leute, die beides richtig gut können – die sind am flexibelsten!).
Es ist schon putzig manchmal. Viele die irgend so eine Freigeistigkeit für sich beanspruchen, lehnen alles ab, was damit zu tun hat, sich auf andere Menschen zu beziehen (Rezepte, Wissen generell, und so weiter). Diese „ich hab mich selbst geboren, gewindelt und mir auch sonst alles im Leben selbst erarbeitet und lasse mir von nichts und niemandem etwas sagen“-Mentalität findet sich natürlich oft bei Vertretern eines bestimmten Geschlechtes (aber nicht nur).
LikeLike
Wie war das? Theodore Roosevelt wurde in einer Blockhütte geboren, die er mit eigenen Händen gebaut hat? ^^
LikeLike