„Du kommst hier nicht rein!“ Das Märchen von den Türen

Eine verwirtterte rote Ziegelsteinmauer. Darin mittig eine solide doppelflügelige Tür aus verwittertem, fast weißem, Holz, links und rechts flankiert von vergitterten Fenstern. Alles macht einen verlassenen, verfallenen Eindruck.
Foto von Utsman Media, gefunden auf Unsplash.

Wenn ich am Computer prokrastiniere, hänge ich manchmal auf Reddit rum und lese ungefähr alles, was mir in die Finger kommt. Und neulich ist mir dort der schlechteste Take ever zum Thema „Kochen“ untergekommen. Ursprünglich ging es darum, wie absurd es sei, dass manche Erwachsene sagen, sie könnten nicht kochen. Schließlich gehe es doch meist nur darum, den Instruktionen in einem Rezept zu folgen.

In den Kommentaren wurde dann aufgeklärt: Dinge nach Rezept zuzubereiten sei kein richtiges Kochen. „Richtiges“ Kochen, diesen Leuten zufolge, ist nur, wenn man aus einem Haufen zufällig gewürfelter Zutaten komplett ohne Input von außen etwas zubereitet, was dann bitte möglichst genial schmeckt. Rezepte zählen nicht. Die werden höchstens zubereitet.

Alle Köch*innen in Ausbildung lachen sich jetzt wahrscheinlich tot, denn im Rahmen ihrer Ausbildung lernen die unter anderem grob geschätzt eine halbe Million Rezepte – für bestimmte Saucen, Suppen, Gewürzmischungen, Beef Wellington, …

Und klar, im Lauf einer Küchenkarriere kommt man hoffentlich, so der Wunsch vorhanden ist, an den Punkt, an dem man eigene Speisen kreiert. Aber die Grundlage des Berufs sind auf jeden Fall etablierte Rezepte, denen möglichst genau zu folgen ist.

Die Menschen aus der oben genannten Kommentarspalte schließen daraus jetzt: Köch*innen in den ersten drei/fünf/siebzehn Jahren ihrer Karriere kochen eigentlich gar nicht richtig.

Das gilt übrigens auch fürs Häkeln. Ich behaupte ja immer, dass ich häkle, aber dabei folge ich Mustern, die andere Menschen geschrieben haben. Ich bereite Garn zu.

Diese Form von Türsteher-Mentalität gibt es in allen Lebensbereichen. Du läufst den Kilometer in mehr als sechs Minuten? Sorry, eigentlich läufst du gar nicht. Du spielst ein Instrument, aber nur mittelmäßig und zum Vergnügen? Nee, du bist kein*e echte*r Musiker*in. Freilichtbühnentheater? Das soll Schauspiel sein? Text nach Drehbuch aufsagen? TSK! Und beim Schreiben findet man das natürlich auch. Selfpublishing ist kein richtiges Schreiben, Fanfiction ist kein richtiges Schreiben, Fantasy ist keine richtige Literatur (und Horror und Liebesromane erst recht nicht!), bla bla bla, etc. pp ad nauseum.

Keine Ahnung, was solche Leute sich dabei denken. (Denken die überhaupt richtig oder folgen die nur einem Skript, das sie irgendwo mal gesehen haben?) Vielleicht kochen sie gern frei Schnauze und benutzen das als Haupt-Identifikationsmarke. Vielleicht haben sie Angst, dass es sie abwertet, wenn andere Leute auch behaupten, zu kochen, obwohl sie „nur“ einem Rezept folgen.

(Irgendwer schrieb sogar, er – ja, er – backe nicht, weil da *müsse* man ja dem Rezept folgen, sonst wird das nix, und deswegen sei Kochen die eigentliche Schwierigkeit. Ich vermute ja, da hat jemand einfach die Physik und Chemie hinter Kochen und Backen nicht ganz verstanden. Klar kann man aus der hohlen Hand heraus backen. So entstehen neue Rezepte … die andere dann nachbacken, wenn sie wollen. ^^)

Zuletzt gesehen habe ich das übrigens beim Radfahren. E-Bike-Fahrende fahren gar nicht wirklich Rad. Die mogeln. Vermutlich ist Magie im Spiel. Richtig Rad fährt nur, wer am Berg so richtig schön hufft und pufft.

Worauf will sie hinaus? Egal. Lass dir von solchen Türstehern nichts einreden. Es ist nämlich gar nicht so, dass die einen Schatz bewachen, zu dem sie dich nicht reinlassen wollen – die sitzen in ihrem geistigen Gefängnis und trauen sich nicht zu dir nach draußen. Und jetzt geh und tu, was immer du tun willst, auf die Art, die dir am besten liegt, und amüsier dich dabei bitte möglichst gut.

Niksen!!!

Bis zum Horizont nur Sand, vertrocknetes Gras. Der Himmel selbst ist sehr hell blau mit wenigen Wolken.
Foto von Simon Maisch, gefunden auf Unsplash

Manchmal stimmt das Timing einfach nicht. Beispielsweise hätte es letztes Jahr eigentlich einen neuen Trend geben sollen: Niksen! In der Tradition von Hygge ist das, wenn man Blogs und Büchern glauben will, eine niederländische Lebensart, bei der man ab und zu bewusst nikst, also „nichts tut“. Das ist gut für Körper und Seele, macht kreativer und produktiver und verhilft uns zu einem besseren Leben. Und das Schönste: Es kostet nichts!

Tja, und dann kam Corona. Da haben alle „Niks“ gemacht, meistens unfreiwillig, und es war eher besorgniserregend als entspannend. Und eigentlich ist das schade, denn in unserer produktivitätsgescheuchten Gesellschaft könnte Niksen den meisten Leuten ab und zu wirklich gut tun.

Ich habe neulich, ja, ein Buch übers Niksen gelesen. Welches, das könnt ihr hier nachschlagen. Obwohl ich eigentlich schon ziemlich gut bin im Nichtstun. Ab und zu nehme ich mir einfach etwas Nettes zu Lesen mit auf den Balkon, und dann tue ich einen halben Tag lang nichts. Denn beim Nichtstun geht es nicht darum, nur zu sitzen und dumpf zu starren (obwohl das auch darf), sondern um Entspannung und darum, bewusst unproduktiv zu sein.

Ich meine, schaut euch doch mal um. Sobald jemand etwas kann, wird ihm*ihr eingeredet, man müsse so ein Talent doch unbedingt monetarisieren. Und wenn man etwas macht, was man nicht so gut kann, heißt es oft: Lass das lieber bleiben, du verschwendest deine Zeit. Etwas nur zum Vergnügen zu machen – das ist verpönt. Dabei singe ich wirklich gerne ziemlich schlecht, und auch wenn mein Ukulele-Spiel eher unspektakulär ist, bringt es mir große Freude.

Ja, ich bin ein großer Freund vom Niksen. Und deswegen gehe ich heute auch und tue genau das – nämlich nichts.