Eine Hütte am Waldrand. Eine unheimliche Statue in den Tiefen des Universitätsgebäudes. Gibt es eine Verbindung zwischen diesen beiden Dingen? Was als schreiberische Fingerübung anfing, hat sich zu einer unheimlichen Geschichte um Ziegen, Flüche und das Siebengebirge entwickelt. Falls die Leseprobe dich neugierig macht, findest du „Gruftgeflüster 1: Der Fluch des Chupacabra“ (nicht nur) bei Books on Demand!

Unheimliche Dinge geschehen im Siebengebirge.
Tiere werden verstümmelt.
Jemand – oder etwas – versucht, in Maries Ziegenstall einzubrechen.
Gemeinsam mit dem charmanten Christian versucht sie, mehr über das mysteriöse Wesen herauszufinden, das sich in der Nähe ihrer Hütte herumtreibt.
Sie weiß nichts von der leeren Kiste in den Tiefen des Universitätsgebäudes, oder von dem furchtbaren Fluch, der auf einer uralten Statue liegt.
Wird sie es schaffen, das Geheimnis zu lüften und ihre Ziegen vor dem Fluch zu retten?
LESEPROBE
EINS
ZU DIESER FRÜHEN Stunde war niemand im Siebengebirge unterwegs. Das Laub des vergangenen Herbstes bedeckte die Wege. Kalter Nebel schmiegte sich an die Fichtenstämme. Vereinzelt schoben die zarten grünen Spitzen der Frühblüher sich an die Oberfläche, wo die Sonne den Waldboden berührte. In den noch kahlen Ästen tschilpten die Blaumeisen.
Ein Zweiglein knackte. Etwas bewegte sich in den Schatten. Rotglühende Augen leuchteten auf. Eine huschende Bewegung, und alles lag wieder wie immer. Ein Beobachter dieser Szene hätte das Gesehene möglicherweise auf seine überbordende Fantasie geschoben. Schließlich gab es hier keine unheimlichen Fabelwesen.
Oder?
In der Ferne schlängelte der Rhein sich durch das Tal, unter einer dicken Nebeldecke verborgen. Die Lebensader der Region. Ein oft unterschätzter Weg, auf dem schon so manche Überraschung ihren Weg ins Rheinland gefunden hatte.
So auch die hölzerne Kiste, die seit einigen Tagen in der Abteilung für Amerikanische Frühgeschichte an der Universität unter den Studenten für Kopfzerbrechen sorgte. Sie war Teil einer größeren Lieferung mit bislang unzureichend untersuchten und dokumentierten Artefakten, die der Bonner Amerikanistik-Sammlung hinzugefügt werden sollten. Leider hatten die Kollegen in Übersee vergessen, der Fracht eine detaillierte Liste beizulegen. Auch beim Verpacken waren sie wohl nicht besonders sorgfältig vorgegangen. Das war die beste Erklärung dafür, dass sich in dem Durcheinander, als das Team zum Katalogisieren in den Keller ging, eine leicht beschädigte Kiste befand, die lediglich Verpackungsmaterial enthielt. Die Schäden kamen wohl von dem rauen Wetter während der Reise über den Atlantik.
Die Studenten, die unter der Aufsicht von Professorin Beitler mit dem Katalogisieren der neuen Artefakte beschäftigt waren, beschlossen, der leeren Kiste keine weitere Aufmerksamkeit zu schenken. Timo räumte sie einfach in einen Abstellraum zu den anderen nicht aufgearbeiteten Ungereimtheiten. Es gab noch so viel zu tun. Schon in wenigen Wochen sollten diese Artefakte in einer aufregenden Ausstellung der Weltöffentlichkeit vorgestellt werden, und für nächstes Jahr war eine Tour durch die meisten der kontinentaleuropäischen Hauptstädte geplant.
An diesem Morgen allerdings lag das Universitätsseminar, in dem die Artefakte katalogisiert, kategorisiert und für die Ausstellung aufbereitet wurden, noch im Dornröschenschlummer. Die meisten Studierenden befanden sich noch im Tiefschlaf und träumten. Das gleiche galt für die Wanderer, die später die frühlingshafte Atmosphäre dieses wunderschönen Waldstücks genießen würden.
Niemand von ihnen verschwendete gerade einen Gedanken daran, wie unheimlich es wäre, genau jetzt im stillen Wald einem Paar rotglühender Augen gegenüberzustehen.
ZWEI
Marie war sich der Absurdität ihrer Situation bewusst. Schließlich war es nicht das erste Mal, dass sie in ihrem guten Angorapullover, Jogginghosen und Gummistiefeln, mit Schlammspritzern bis zur Taille, durch das Gehege stapfte, um möglichst gute Aufnahmen von ihren Ziegen zu bekommen. Der Pulli war wirklich over the top. Allerdings konzentrierten sich die Kommentare in ihrem Newsfeed, wenn sie in praktischer Bekleidung bei den Ziegen filmte, eher auf ihre unordentliche Frisur, ihre bleiche Haut oder die unvermeidlichen Löcher im Ärmel, wo Hannibal mal wieder gedankenverloren gekaut hatte. War sie angemessen aufgehübscht, interessierten die Leute sich stattdessen für das Schicksal der Ziegen. Und darum ging es schließlich.
Marie versenkte ihre klammen Hände in den Hosentaschen, damit ihr die Finger nicht steiffroren, noch ehe sie mit Filmen angefangen hätte. Die Freitagsfütterung war eine der beliebtesten Rubriken bei ihren Videos. Sie ließ ihren Blick über den Waldrand schweigen. Kaum zu glauben, dass sie sich noch vor wenigen Wochen gefürchtet hatte, allein hier draußen zu sein. Inzwischen kannte sie fast alle Geräusche und Gerüche des Waldes. Dabei war sie als Kleinstadtpflanze eigentlich eher versehentlich hier gelandet. Ursprünglich hatte sie den Plan gehabt, zu studieren, in eine große Stadt zu ziehen und sich nie wieder mit der kleingeistigen Landbevölkerung auseinandersetzen zu müssen. Und dann war alles anders gekommen.
Das mit den Ziegen war beispielsweise auch so ein Versehen gewesen. Mehr oder weniger. Zuerst war da diese Waldhütte gewesen, die Marie von ihrem Großvater geerbt hatte. Nicht direkt von der Stadt genehmigt, aber doch wenigstens geduldet. Mit kleinem Grundstück. Eine von diesen praktischen Nachkriegslösungen, an denen niemand hatte rütteln wollen, solange der alte Herr noch lebte. Dass er so unverfroren gewesen war, die Hütte – mit Kamin und inzwischen, dank der Hilfsbereitschaft einer alternden Hippiekommune weiter oben am Hang, sogar mit fließendem Wasser – seiner einzigen Enkelin zu vererben, damit hatte wohl niemand gerechnet.
Oder damit, dass Marie tatsächlich hier einziehen würde. Aber was blieb ihr anderes übrig? Zu ihren Eltern zurückkehren und sich eingestehen, dass sie versagt hatte? Nicht einmal zum Lehramtsstudium hatte es gereicht. Sie konnte sich die Reaktionen der Alten gut vorstellen. Schweigend-vorwurfsvolle Blicke von ihrem Vater, endloses Lamentieren von ihrer Mutter. Dann blieb sie doch lieber hier in ihrer Hütte, zeichnete den lieben langen Tag oder unternahm Ausflüge ins nahe Siebengebirge.
Und dann waren da die Ziegen gewesen. Inzwischen waren es vier, alle vor dem unzeitigen Ende gerettet. Alle handzahm und verfressen. Auch jetzt standen sie bereits meckernd am Zaun, während Marie mit dem Handy im Anschlag in ihre Richtung ging. Sie drehte die Kamera einmal in ihre Richtung und bemühte sich um ein Lächeln. In der frischen Märzluft fühlte der Lippenstift sich an, als sei er auf ihrer Haut festgefroren. Und sie hätte wirklich lieber noch einen Parka übergezogen. »Ihr seht«, sprach sie in die Kamera, »ich werde sehnlichst erwartet.« Dann filmte sie einen Sweep über die noch karge Landschaft am Waldrand, ehe sie sich wieder auf die Ziegen konzentrierte. Die schwarzweiß gescheckte Boudicca rieb sich energisch am Torpfosten. Die inzwischen fast so breite wie hohe Ziegendame war fest davon überzeugt, dass man mit Schmuse-Attacken auch unbelebte Objekte dem eigenen Willen unterwerfen konnte.
Marie filmte die Fütterung der Ziegen und bemühte sich, nicht zu stark zu zittern. Der Bildstabilisator konnte nur begrenzte Arbeit leisten. Sie achtete darauf, den guten Angora-Ärmel nicht in die Nähe von Hannibals samtigem Maul zu halten, und hoffte, dass das Mikrofon sein zufriedenes Pupsen nicht einfing. Einige Krähen fegten in stürmischem Bogen über ihren Kopf hinweg. Zwar war es in den letzten Tagen wärmer geworden, aber die heftigen Winde waren nicht gerade das, was Marie als »Verbesserung« bezeichnen würde. Als der Wind ihr das Haargummi aus ihren braunen Locken riss, gab sie auf. Sofort klebten Haare auf ihrem Lippenstift. Das Haarband war einige Schritt weiter im Matsch gelandet. Sie hob es auf, ehe die Ziegen sich darüber hermachen konnten, und stülpte es zähneknirschend über ihr Handgelenk. Vielleicht konnte sie es in warmem Wasser einweichen und so retten.
Wegen des Windes hörte sie auch den sich nähernden Wagen nicht. Erst das Klappen der Fahrertür ließ sie aufschauen. Nanu? Hierhin verirrte sich doch sonst niemand – nicht einmal Förster oder Wanderer. Am Ende des schlecht befestigten Wirtschaftsweges konnte sie meistens unbehelligt ihrem Tagesablauf nachgehen.
Ein junger Mann mit blondem Schopf, Drahtgestellbrille und praktischem, wetterfestem Parka stand neben einem schlammbespritzten Kombi und sah sich um, als müsse er einen Aufsatz für den Deutschunterricht schreiben. Alles an ihm schrie: Behörde! Marie beeilte sich, ihm entgegenzukommen. »Guten Tag, wie kann ich Ihnen helfen?«
Überrascht sah der junge Mann zu ihr hinüber. »Guten Tag! Sind Sie die … Besitzerin?« Er gestikulierte vage Richtung Hütte.
Marie nickte, während sie sich gleichzeitig fragte, wie die Szene wohl auf ihn wirken mochte. Sie stakste in ihren Gummistiefeln, die vom Schlamm ganz schwer waren, an ihm vorbei über den Pfad zwischen den Kräuterbeeten hindurch. Drei schiefe Betonstufen führten zur Eingangstür hinauf. »Was kann ich für Sie tun?« (…)