„… und dann hatten wir einander alle lieb!“

Vor ein paar Tagen habe ich über eine Leseprobe geschimpft. Das Buch sah aus, als sei es total mein Ding – Urban Fantasy, Humor, eine originelle Idee. Weil ich aber im Oktober schon meine Bücherkapazitäten überschritten hatte und es bei UF immer ein gewisses Risiko gibt, dass zuviel Romance/Spice mir das Lesevergnügen verderben (mehr für euch! Aber ich möchte lieber nicht.), hatte ich erst einmal nur eine Leseprobe mitgenommen.

Und was kann ich sagen? Zum Glück! Direkt in der ersten Szene gab es einen Konflikt mit zwei anderen Personen. Kann vorkommen, ist gut für Geschichten, nur: Die Haupt-Charakteristika der Gegnerinnen, wie sie von der Hauptfigur beschrieben wurden, waren: Fett, hässlich und dumm. Klar gibt es solche Leute, aber für mich riecht das hart nach einem billigen Lacher und internalisierter Misogynie. „Schau mal, die dicke Frau ist dick! Und gemein! Haha!“ Hinzu kam, dass die Ich-Erzählerin extrem inkonsistent und inkompetent agierte. Möglicherweise ist das ab dem nächsten Kapitel ein echt tolles Buch, aber nach der Leseprobe habe ich erst einmal, ehrlich gesagt, gar keine Lust, das herauszufinden.

Eine Freundin, mit der ich meinen Unmut über die Leseprobe teilte, meinte, es sei einfach langweilig, wenn man nur über nette und freundliche Charaktere liest.

Ja.

Aber.

Wenn ich dreihundert Seiten mit einer Figur verbringe, das sind für mich alte Frau etliche Lesestunden, muss sie sympathisch sein. Oder wenigstens nachvollziehbar. Interessant reicht auch. Das ist wie mit dem Freundeskreis im echten Leben – meine Freund*innen sind alle toll, aber längst nicht alles Heilige. Und wieso sollte ich über jemanden lesen wollen, mit dem ich mich nicht eine Zugfahrt lang unterhalten wollte?

Andere Leute haben da höchstwahrscheinlich andere Auswahlkriterien. Und wenn das Leben hier draußen in der Realität weniger finster und hässlich und anstrengend ist, starte ich vielleicht noch einen zweiten Versuch mit diesem Buch. Oder einem der vielen anderen hochgelobten Bücher, die ich aus ähnlichen Gründen weggelegt habe, bestimmt hab ich über sowas schon öfter geschimpft.

An dieser Stelle kann man beim Schreiben in der Ich-Perspektive übrigens wirklich viel reißen (oder versemmeln). Die Wortwahl der Figur, was ihr auffällt und wie sie auf die Welt blickt sind alles Charakter-Indizien. Gerade in dieser Perspektive ist es ja, als säße man mit einer Person beim Kaffee, die einem einen Schwank aus ihrer Jugend erzählt. Das kann sehr unterhaltsam sein oder sehr anstrengend.

(Ebenfalls oft übersehen: In der Ich-Perspektive und im Rückblick biegen sich Leute schnell mal die Welt zurecht oder lügen geradeheraus. Das kann man natürlich für eine Geschichte verwenden, muss es dann aber auch gekonnt umsetzen. Für Leute mit dickem Fell ist „Lolita“ da ein gutes Anschauungsbeispiel.)

Worauf will ich hinaus? Ach ja. Ich bin gar nicht darauf aus, dass Protagonist*innen immer gut und lieb und edel sind. Die, die ich schreibe, sind das ja auch nicht. Aber ich möchte sie als nachvollziehbar, in sich logisch/konsequent und interessant erleben. Die meisten Menschen haben Macken – Anwesende ausgeschlossen – aber nicht jede Macke macht einen Charakter lebendig. Manche machen einen nur unsympathisch.

(Off-topic, aber wenn du schöne positive und konstruktive Charakterisierung mit Macken sehen willst, lege ich dir bei Netflix „The Lincoln Lawyer“ ans Herz. Der Mann ist schon ganz genervt von meiner Schwärmerei, doch die Charaktere sind, so weit wir das geguckt haben, wirklich gut geraten. Und jetzt hör ich mal auf zu schwadronieren, wenigstens für heute.)

Marke Eigenproduktion

Mein Tiktok-Feed – ein Meisterwerk des enthusiastischen Dilettantismus‘

Dieses Wochenende bin ich mit kaputtem Fuß außer Gefecht gesetzt. Was mache ich also? Rumliegen und Tiktok-Videos generieren.

Meine Videos sind immer ein Paradebeispiel für Authentizität. Beispielsweise schiebt in dem Video, das ich heute veröffentlicht habe, der Kater seinen Hintern durchs Bild. Es ist ein sehr flauschiger Hintern.

Natürlich könnte ich da professioneller rangehen. Den Kater rausschneiden. Mehrere Takes aufnehmen und zusammenschneiden. Vorbereiten, skripten, üben.

Aber weißt du was?

Das ist Tiktok. Social Media – Betonung auf „Social“. Nicht Klein-Hollywood. Und ich habe wirklich keine Lust, permanent online zu performen.

Ich meine, man sieht das immer öfter – und ich rede nicht von lustigen Tanzroutinen oder Memes. Leute fahren nicht irgendwohin, um etwas zu erleben, und posten dann Fotos und Videos – neien, sie fahren irgendwohin, wo es „instagrammable“ ist, um dort Fotos und Videos zu machen, ANSTATT etwas zu erleben. Das ist nicht meins.

Ich habe auf meinem Handy ungefähr eine Million Fotos vom selben Waldspaziergang, weil ich den Wald hinter unserem Haus wirklich liebe. Wanderungen suche ich nicht nach SoMe-Attraktionen aus, sondern nach Länge und Erlebnisfaktor. Und ja, meine Fotos und Videos online kommen mit einem Minimum an Editing und Filtern aus. Wenn ich damit nicht berühmt werde, ist mir das recht.

Und ehe jemand schimpft – Leute, die sich gern für 90-Sekunden-Clips stundenlang zurechtmachen, um dann genau so lange zu filmen und zu editieren, sollen das um Himmels Willen bitte tun. Wir brauchen alle alberne Hobbys. (Ich schreib Bücher, hatte ich das erwähnt?) Aber das sollte nicht die Grunderwartung für jeden einzelnen verdammten Post da draußen sein.

Mich persönlich interessiert hyperproduzierter Content beispielsweise nicht. Ich sitze dann da und gucke zu und denke mir: Leb, verdammt nochmal! Erleb was und erzähl davon, anstatt nur zu überlegen, was der nächste virale Content sein könnte!

Ach, vielleicht ist das alles nur das Gemecker einer alten Ziege. Vielleicht sind wir längst alle schon auf unseren Entertainment-Wert abgeklopft und kategorisiert, und vielleicht meckere ich nur, weil Katzenpöter keine Buchverkäufe generieren.

Andererseits schreibe ich ja auch hier nicht das, was die meisten Klicks bringt. Die Chancen stehen also gut, dass ich tatsächlich so genervt und motzig bin.

Was ist dein unbeliebter Social-Media-Take?

Diese Vorhersehbarkeit ödet mich an!

CN: Erwähnung von Gewalt, Körperteilen, Blut, sexueller Gewalt; Schimpfwörter

Großaufnahme mehrerer bunter Tarotkarten, die durcheinander mit der Bildseite nach oben auf einer hellen Fläche liegen (Rider-Waite-Tarot).
Foto von Viva Luna Studios, gefunden auf Unsplash

Früher habe ich viele Thriller und Krimis gelesen, doch irgendwann hatte ich das über.

Zum einen wegen der immer absurderen Gewalt-Exzesse: In wie viele Teile können wir die Leiche diesmal schneiden? Findet der Kommissar den Augapfel diesmal im Kaffee oder im Dessert? Wie viel PS braucht die Kettensäge, mit der wir den fiesen Chef der Ehefrau umbringen, und wie weit spritzt das Blut? Es werden Wetten angenommen!

Zum anderen nervt mich diese unglaubliche Vorhersehbarkeit – was die Charaktere angeht (geschiedener Ermittler mit Alkoholproblem und komplizierter Beziehung zu seinem Kind, anyone?) und in Bezug auf die Fälle. Es kann doch nicht sein, dass JEDER bei der Polizei einen Erzfeind aus Kindertagen hat, der jetzt als Psychopath hackstückelnd durch Buxtehude zieht???

Ein besonderes Ärgernis betrifft hierbei die Behandlung von Frauen. Ja, jetzt fängt sie wieder mit DEM Thema an. Aber bleibt mal dran, das ist vielleicht wichtig. Möglicherweise hab ich darüber auch schon geschimpft, ich ärgere mich schon seit längerem.

Also.

Wenn eine Frau – und es ist beinahe egal, ob sie jetzt Protagonistin oder Sidekick ist, Opfer oder Bösewichtin – irgendwie definiert werden soll, wird sie eben fix vergewaltigt. UND DAS ÖDET MICH AN! Nicht, weil das so abwegig wäre (wir alle kennen die Statistiken), sondern weil es so viel mehr gibt, was man Frauen antun kann, um ihren Charakter zu formen! Klar, schon beim Ermittler gibt kaum noch wer sich Mühe, aber die Zahl der Frauen, die sexuelle Übergriffe erlebt haben und das (NUR DAS!) als prägendes Erlebnis haben, quasi als Zentrum ihres Charakters, wie er geschrieben steht, ist lächerlich. GEBT EUCH MÜHE.

(Die nächsten Abschnitte enthalten Spoiler für das Buch „The Sanatorium“ von Sarah Pearse)

Neulich beispielsweise habe ich einen Thriller gelesen: Spannend geschrieben, interessantes Setting, toller Sprachgebrauch. Wirklich eine Lese-Empfehlung … und das trotz der Sache, über die ich jetzt schimpfen werde.

Die Idee ist komplex: Ein ehemaliges Sanatorium für Tuberkulose-Patientinnen in den Schweizer Alpen ist zu einem Hotel umgebaut worden, und durch einen Sturm werden die wenigen Gäste und Mitarbeiter*innen jetzt von der Außenwelt abgeschnitten. Das ist ungünstig, denn irgendwer fängt an, Leute auf grafische Weise zu ermorden. Natürlich ist eine aktuell beurlaubte Polizistin vor Ort, die eine komplizierte Beziehung zu gleich mehreren Leuten im Hotel hat. Die ermittelt und findet heraus, dass in dem Sanatorium damals unethische medizinische Experimente und möglicherweise auch sadistische Praktiken an den Insassinnen durchgeführt wurden, und das hat irgendwie mit den aktuellen Morden zu tun.

Nur LEIDER, LEIDER, LEIDER wird dieser Zweig kaum weiter verfolgt. Also ja, das wird erwähnt und jemand findet explizite Fotos von damals und die Leichen sind hergerichtet wie die Opfer der Ärzte vor hundert Jahren. Aber so richtig wichtig ist das nicht, denn der EIGENTLICHE Trigger für die Taten ist die Tatsache, dass die Person, die die Morde begeht, vor mehr als zehn Jahren von jemandem vergewaltigt wurde, der auch schon lange tot ist. Und das hat die Person jetzt wegen dieser Fotos irgendwie daran erinnert, dass Frauen ja oft Opfer sind, und deswegen wird jetzt gemetzelt.

Echt jetzt?

Es gibt massig historisch belegte „Vorbilder“ für unethische Behandlung und Experimente in einem medizinischen Kontext, über einige davon habe ich in meiner Diplomarbeit geschrieben. Und wer will, kann tonnenweise Literatur zum Thema finden. Es wäre also ein LEICHTES gewesen, aus diesem Erzählzweig eine richtig gute Motivation für die Täterperson zu schreiben, komplett ohne ihr an die Wäsche zu gehen. Also bin ich eh schon empört, dass die Vergewaltigung da quasi eben schnell reingeschrieben wurde, weil „das macht man halt so“ – und dann geht das eigentlich viel relevantere Thema daneben einfach komplett unter und wird mit „die armen Frauen!“ vom Tisch gewischt.

Das Buch ist übrigens dennoch gut. Wirklich. Lest es unbedingt, wenn es euer Ding ist, und rollt an der entsprechenden Exposition am Ende einfach mit den Augen. Und wenn ihr eigene Thriller oder Krimis schreibt, überlegt euch doch mal, was man Frauen alles Schlimmes tun kann, ohne sie dafür auszuziehen.

Noch 90 Tage!!!

Nein, nicht bis zum nächsten Buch.

CN Gewicht, Fatshaming, Krankheit, Covid

Noch 90 Tage bis zu meinem nächsten Hindernislauf. Das wird dann mein dritter. Und ich hab zwischendurch auch überlegt, ob ich den überhaupt machen will – ich weiß ja, dass ich es kann, also wozu?

Diesmal nehme ich in erster Linie teil, um anderen zu beweisen, dass ich das kann. Denn immer mal wieder, wenn es im Gespräch aufkommt, dass ich an Hindernisläufen teilgenommen habe, kriege ich diesen ungläubigen Blick: DIE glaubt, sie kommt über die Hindernisse???

Ich versteh das, wirklich. Ich meine, ich bin über 40. Und ich bin übergewichtig. Weiß doch jeder, dass wir Dicken nur auf dem Sofa sitzen und Bonbons essen.

Bei meinem ersten Hindernislauf 2018(?) war ich in guter Form, für meine Verhältnisse. Danach hatte ich einige langweilige gesundheitliche Probleme, nahm eine Menge Gewicht zu – und lief den nächsten Hindernislauf. Natürlich war ich langsamer, aber ich hab’s getan. Ein Hindernis habe ich wegen Höhenangst am Ende ausgelassen, weil ich mental durch war, aber körperlich war ich in der Lage, den Kurs zu beenden.

Seitdem arbeite ich an meiner Gesundheit. Das war schwierig, weil sie eine neue lustige Krankheit bei mir gefunden haben, die langfristig dazu führen könnte, dass ich nicht mehr gut laufen kann. Außerdem bin ich letztes Jahr zweimal gestürzt, strategisch ungünstig im Zeitplan verpeilt, und konnte das Jahr über de facto kein Lauftraining machen.

Laufen ist wichtig für mich, vor allem für meinen Kopf. Wer mich kennt, wird bestätigen: Ich bin erträglicher, wenn ich regelmäßig laufe.

Auf jeden Fall bin ich letztes Jahr dann viel mit dem Rad gefahren und zu Fuß gegangen, und sobald meine Knie es wieder erlaubten, bin ich gelaufen.

Dann hatte ich Covid, was ja irgendwann mal kommen musste.

Und als das vorbei war, bin ich wieder ins Training eingestiegen. Am Sonntag steht mein erster 10-Kilometer-Trainingslauf auf dem Programm. Ich werde voraussichtlich sehr, sehr langsam sein, doch das ist okay.

Die ganze Zeit über bin ich mit einer Kollegin zweimal pro Woche ins Fitness-Studio gegangen. Niemand, wirklich NIEMAND kann behaupten, dass ich mich wenig bewege oder keinen Sport treibe.

Weil ich aber auch gerne esse und gern und gut koche und backe, sieht man das nicht. Ich bin keine von diesen zähen Frauen mittleren Alters. Ich bin squishy. Und während ich daran arbeite, das zu ändern, weil ich weiß, dass die Dinge, die zu Übergewicht führen, auch zu anderen Gesundheitsproblemen führen (und wegen der Vielleicht-irgendwann-nicht-mehr-gut-laufen-Können-Sache), ist es nicht schlimm, dick zu sein. Es ist kein Zeichen dafür, dass ich faul oder undiszipliniert oder ein moralisch schlechter Mensch wäre. Ich meine, ich habe neben einem Brotjob in den letzten 12 Jahren 24 Bücher geschrieben, führe eine Art Haushalt und habe ein Leben. Ich bin sozusagen eine …

Und weil es Leute in meinem Umfeld gibt, die sich das beim besten Willen nicht vorstellen können, werde ich am 31.08.2024 zum dritten Mal an einem Hindernislauf teilnehmen. Weil ich es kann, und weil diese Leute nicht glauben, dass ich es kann.

Ist vielleicht nicht die beste Motivation, aber ich nehm, was ich kriegen kann. ^^

EXTRABLATT! EXTRABLATT!

Marketing ist kacke.

Da, ich hab es gesagt.

Ich mag nicht marketen. Ich mag auch nicht bemarketed werden. Und wer hat Schuld daran? Ausnahmsweise einmal NICHT unser IT-Fachmann im Büro … sondern all die Knallhunzen, die einem konstant erklären, wie Marketing so richtig toll erfolgreich sei, und woran man das misst.

Ein Beispiel: Diese Woche habe ich einen E-Mail von einer Firma bekommen, bei der ich ein Ticket für ein Event gebucht habe. Die Betreffzeile lautete: „Wichtige Information zu deinem Event!“ – und was stand drin? „Deine Freunde und Kollegen können über diesen Link günstig auch Tickets kaufen!“

Joah, meine Lieben, das sind explizit NICHT „wichtige Informationen zu [meinem] Event“.

Das ist Werbung, und zwar die lästigste und ärgerlichste Variante. Sie belügt mich, spielt sich als wichtig auf und stiehlt mir meine Zeit.

Diesmal war ich so genervt, dass ich dem Anbieter eine entsprechende Mail zurückgeschrieben habe. Tenor: Macht das nicht wieder. Bislang sind sie mir die Antwort darauf schuldig geblieben. Merkwürdig, dabei habe ich den gleichen Betreff verwendet!

Okay, aber jetzt sind die Leute, die diesen Newsletter geschrieben haben, ja nicht dumm. Sie versuchen, einen wichtigen Marketing-Meilenstein zu optimieren: Die Klickrate – wie viele Leute öffnen diesen Newsletter tatsächlich? Und bei dem Betreff, rate ich mal, geht die Klickrate durch die Decke.

Was nicht durch die Decke geht – die Kundenzufriedenheit. Auch ein wichtiger Punkt, aber schwieriger zu messen. (Bis die Maschinen unsere Gedanken lesen.)

Gerade im Bereich „Marketing“ gibt es etliche solcher Indikatoren und „Tricks of the trade“: Abkürzungen, wie man sein eigenes Marketing „hackt“ und damit viele Kunden gewinnt, langfristig an sich bindet und dadurch reich und berühmt wird. Beinahe so, als sei Marketing ein Selbstzweck und nicht etwas, was man verwendet, um sein eigenes Produkt zu verkaufen.

Auch als Autorin mache ich so etwas nicht gerne. Ich habe keine ausgefeilte Online-Persönlichkeit, pflege meine „Marke“ nicht mit ausgeklügelten SoMe-Strategien und poste meist querfeldein, wie es mir gerade einfällt. Und das ist KEINE GUTE STRATEGIE, weiß ich selbst. Mein Newsletter kommt in unregelmäßigen Abständen und oft gar nicht oder zu spät, weil ich im Rahmen von Vorbereitungen und Aktionen einfach vergesse, dass das Ding auch noch geschrieben werden könnte.

ABER.

Es ist mir tausendmal lieber, ihr redet von mir als „Die verstreute Suse mit den Katzen und den tollen Büchern, bei der man nie weiß, was sie gerade treibt“, als dass ich „Die Werbeschleuder, die auch Bücher macht“ werde. Wenn ich also keine tollen Klickraten und Interaktionszahlen habe, ist das okay. Hauptsache, wir haben hier alle unseren Spaß.

Und falls euch all das nicht abgeschreckt (fast hätte ich „abgeschleckt“ geschrieben!) hat, könnt ihr hier immer noch meinen Newsletter abonnieren. Vielleicht finde ich irgendwann eine Strategie, bei der alle Seiten gewinnen.

„Jeder hat nur 24 Stunden, du musst Prioritäten setzen!“

Wisst ihr, wie sehr ich diese Aussage hasse?

Gerade heute bin ich da wieder irgendwo drüber gestolpert, als sich in SoMe eine Person beklagte, dass sie mit Job/Haushalt/Sport/Sozialleben überfordert sei. Und in den Kommentaren tummelten sich Dutzende(!) Leute, die ungefragt und ohne Kenntnis der Situation erklärten, die Person müsse ja nur ihr Leben besser strukturieren und dann „einfach machen“.

Joah, Frittenhorst, so einfach ist das nicht.

Völlig überraschend haben Leute nämlich unterschiedliche Mengen an Energie und Resilienz, um mit den Anforderungen des Alltags umzugehen. Manche könnten an einem Donnerstag Abend nach Vollzeitjob und Ehrenamt noch clubben gehen. Andere Leute fragen sich Dienstag Morgen schon, wie sie das ganze Elend noch vier weitere Tage durchhalten sollen.

Wahrscheinlich hab ich das schon einmal erwähnt: Ich leide an Schilddrüsenunterfunktion. Die ist nicht besonders schlimm und gut eingestellt – inzwischen. Als ich nämlich noch als Schülerin mit den entsprechenden Symptomen zu unserem Hausarzt gingen, hatten wir leider einen eher schlechten. „Ja, die Werte sind zu hoch, aber ich möchte ihr noch keine Tabletten verschreiben. Da gewöhnt sich der Körper nur dran und dann muss sie die immer nehmen.“

Angeblich hatte der Medizin studiert. Aber weißte was, du Rezeptblockverweigerer? Schilddrüsenunterfunktion geht nicht einfach weg. Der Körper lernt nicht, das zu kompensieren.

Damals wusste ich das noch nicht, und auch meine Eltern vertrauten dem Fachmann. Ich ging also in die weite Welt hinaus, begann ein Studium und wunderte mich immer, dass alles, was meine Freund*innen machten, so mühelos aussah. Unser Studium bestand aus im Schnitt 36 Kursstunden mit Anwesenheitspflicht pro Semester, plus Vor -und Nachbereitung. Nebenbei sollte man eigentlich auch noch arbeiten und ein Leben haben, aber das war für mich nicht drin. Zum Glück hatte ich Bafög und ein günstiges Studierendenwohnheimszimmer!

Ich war felsenfest davon überzeugt, eigentlich sei ich ja nur faul. Alle anderen schafften das schließlich auch! Ich war erst Anfang zwanzig, da sollte man nicht so müde sein! Also entwickelte ich eine unglaubliche Selbstdisziplin, um alles, was gemacht werden musste, auch wirklich zu schaffen – keine Abgabefristen zu versäumen, keine Klausuren zu verhauen, alle Vorträge ordentlich vorzubereiten. Ich war Expertin darin, mich selbst durch die Woche zu schleifen, und brauchte das ganze Wochenende, um mich zu erholen.

Gegen Ende des Studiums geriet ich dann an einen Arzt, der mir ohne weitere Bedenken Schilddrüsenhormone verschrieb. Und innerhalb weniger Wochen entwickelte ich mich zu Wonderwoman – oder es fühlte sich wenigstens so an. Plötzlich hatte ich soviel Energie wie ein ganz normaler gesunder Mensch!

Die Selbstdisziplin ist geblieben. Das ist der Grund, warum ich heute vergleichsweise viel im Alltag schaffe: Bürojob, Schreiben, Sport, ein wenig Haushalt (nicht besonders gut, reine Zeitverschwendung) und eine Art Sozialleben. Außerdem bringe ich mich ehrenamtlich ein, wenn mich ein Anliegen interessiert, und bin in mehreren Verbänden aktiv. Nur das mit dem Clubben hab ich mir geschenkt, zu viele Leute auf einen Haufen. Ich steh morgens auf und mache dann Dinge, bis ich Abends umfalle. Gewohnheitssache.

Und es wäre jetzt leicht, mir mit 15 oder so Jahren Abstand einzureden, es sei ja gar nicht so schlimm gewesen und ich hätte gar nicht so viel kriechen und kämpfen müssen. Glücklicherweise hatte ich im Winter einen Reminder. Ein Nahrungsergänzungsmittel, dass ich auf Empfehlung einer Fachperson nehmen sollte, machte nämlich meine künstlichen Schilddrüsenhormone wirkungslos. Und ich natürlich wieder – denk mir nichts dabei. Du bist müde und deine Haare fallen aus? Ist ja auch Winter. Und du bist nicht mehr die Jüngste. Bis ich dann doch mal ein wenig recherchierte. Nahrungsergänzungsmittel auf den Abend verlegt, und schon ging es mir wieder wonderwomanös.

Hätte jemand meinem 20jährigen Ich gesagt: „Du musst nur organisieren und priorisieren“, hätte ich mir gewünscht, die Energie zu haben, diese Person zu erwürgen. Den meisten Leuten mit chronischen Einschränkungen oder einfach nur weniger Resilienz geht es in diesen Situationen wahrscheinlich ähnlich.

Darum an dieser Stelle stellvertretend für alle und mein früheres Ich: Fick dich, Frittenhorst. Du hast ja keine Ahnung.

„Endlich deutsche Urban Fantasy!!!“

In einem verlassenen Raum steht ein einsamer Holstuhl neben einem abgetragenen Paar Stiefeln. Von schräg rechts fällt Sonnenlicht in den Raum. Der Boden ist schmutzig, eine Kette liegt herum. Der Raum wirkt verlassen. Möglicherweise handelt es sich um einen Dachboden.
Foto von Nathan Wright, gefunden auf Unsplash.

„Endlich deutsche Urban Fantasy!“ Das sagte neulich eine Bekannte zu mir. Sie war völlig aus dem Häuschen und begeistert – von „Kohlrabenschwarz“, einigen hier vielleicht ein Begriff. Falls nicht: Hörspiel von u. a. Tommy Krappweis, seit 2020 bei Audible als Hörspiel und für eine Zeit auch bei Paramount als Serie.

Ja, endlich deutsche Urban Fantasy. Hat es bis jetzt ja noch gar nicht gegeben. Also, bis auf „Magie hinter den sieben Bergen“ (seit 2013) oder „Alchemy & Blood“ von Sabine Osman oder die „Astoria Files“ von Brida Anderson oder die Bücher von Isa Theobald oder … ihr versteht, worauf ich hinaus will. Und ich bin wenig neidisch, aber in solchen Momenten fällt es schwer, sich dann nur über den Erfolg anderer Schreibender zu freuen, anstatt die Bekannte zu packen und zu schütteln und ihr ins Ohr zu brüllen: „Ich schreibe seit über zehn Jahren Urban Fantasy und erzähl dir da auch andauernd von!“

Kann in diesem konkreten Fall echt nicht daran liegen, dass sie von den Sachen nix wusste.

Was meinte sie also?

Erfolgreiche Urban Fantasy?

Gute Urban Fantasy?

Urban Fantasy mit dem medienpolitischen „Gütesiegel“?

Ich weiß nicht, wie das bei anderen Schreibenden ist. Ich bin chronisch unsicher, was meine Geschichten angeht. Eigentlich ist das ja keine Literatur, um damit einmal anzufangen. Das sind nur so Geschichten halt, zum Unterhalten. Und ich bin nicht so gut in Sachen Buchsatz, oder Cover, oder Marketing. Ehrlich? Ich mach das überhaupt nicht richtig, und bei all den Ideen, die ich gleichzeitig verfolge, hab ich auch gar keinen echten Plan. Und in so einem Moment, wenn mir dann jemand vorschwärmt, jetzt gebe es ja „endlich deutsche Urban Fantasy“, denk ich mir: Joah.

Eigentlich könnt ich es ja auch sein lassen.

(Spoiler: Kann ich natürlich nicht.)

Genug gejammert, zurück ans Werk. Bis Ende des Jahres möchte ich euch Schattenfall 2 präsentieren, komplett mit Hexe, Katze und Götterstatue. In meinem Kopf ergibt das alles Sinn. Ist dann halt wieder keine Literatur. Ich erzähl euch nur ein wenig was. Wird magisch!

Niemand hat vor, sich aus dieser Breduoille herauszukonsumieren

Großaufnahme von vier nebeneinander stehenden, gefüllten Einkaufstüten aus Papier. Aus zweien ragen oben pastellfarbene Seidenpapiere heraus.
Foto von Denisse Leon, gefunden auf Unsplash.

Sind wir uns alle einig, dass wir eine kleine Umwelt- und Klimakrise haben? Gut, dann muss ich mir da den Mund nicht fusselig reden. Und ich gehe hart davon aus, wir wollen das auch alle irgendwie wieder besser machen, nicht wahr? Auch gut.

Aber wie? Die Umwelt schützen, das klingt ehrenhaft und nicht besonders spaßig. Gut, einige Dinge sind inzwischen schon zur zweiten Natur geworden. Wir trennen Müll und bringen leere Glasflaschen zum Container. An den Einwegpfand haben wir uns auch gewöhnt. Inzwischen sind sogar die Deckel fest an den Flaschen, damit die auch um Himmels Willen bitte unbedingt mitrecyclet werden.

(Für wen das eine Veränderung darstellt – was habt ihr vorher mit den Deckeln gemacht? Werden die irgendwann als Währung relevant?)

(Der Mann reißt die Deckel übrigens von den Flaschen ab, weil er es nervig findet, wenn die da so dran rumbammeln. Wenn die Flasche leer ist, schraubt er sie dennoch wieder drauf. Ein vobildliches Vorbild.)

Andere Dinge sind möglicherweise etwas schwieriger. Weniger (oder gar keine) Tierprodukte mehr konsumieren, das Auto öfter mal stehenlassen und stattdessen das Fahrrad oder den Nahverkehr verwenden, nicht für jedes lange Wochenende nach Malle fliegen und überhaupt essen wir wahrscheinlich alle zu viele Avocados.

Und dann sind da all diese Dinge, die man KAUFEN kann, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Armbänder, mit denen Schildkröten geschützt werden. Schuhe aus alten Autoreifen. Taschen aus alten Schuhen. Die ultimative Bambuszahnbürste, jetzt auch elektrisch (oder mit dressierter Hummel im Griff).

Leute, ich habe eine schlechte Nachricht: Wir können uns aus dieser Jauchegrube, in die wir uns hineingekauft haben, nicht wieder hinauskonsumieren. Oder wenn, dann nur auf eine Weise: Indem wir WENIGER kaufen und Dinge länger verwenden. Anstatt auf hippe Glasdosen fürs Mittagessen umzustellen, verwende ich einige meiner Pseudotüpperchen (aus dem guten alten Plastik) schon seit fünfzehn Jahren – und ich ersetze die auch wirklich erst, wenn sie kaputt sind. Ähnliches gilt für Kleidungsstücke (auftragen oder weiterverkaufen), Elektrogeräte (gestern habe ich ein zehn Jahre altes Handy wieder in Betrieb genommen), Möbel und eigentlich so ziemlich alles. Viele Dinge kann man reparieren, anstatt sie direkt zu ersetzen, auch wenn die Reparatur nicht viel günstiger ist als ein neues Gerät. Manche Sachen kann man selbst flicken oder langlebigen Ersatz für normalerweise gekaufte Einwegartikel wie Spültücher herstellen. Ja, auf dem letzten BuCon habe ich hinterm Stand drei Spültücher aus Baumwollgarn gehäkelt, die seitdem zuhause regelmäßig verwendet werden. (Ab und zu spül ich tatsächlich von Hand!) Und natürlich gibt es die Möglichkeit, sich Dinge zu leihen, entweder professionell oder von Freunden. Die Tage im Jahr, an denen ich eine Kreissäge brauche, beispielsweise, sind irgendwo im Bereich von 0 bis 1, die würde ich nicht direkt selbst kaufen.

Und erst, wenn man etwas wirklich neu kaufen muss, wird es spannend, wie etwas hergestellt wurde – langlebig? Aus umweltfreundlichen Materialien? Möglichst lokal? Unter ethischen Arbeitsbedingungen? Übrigens gibt es dabei auch viel Betuppung, wie man landläufig sagt. Gerade Bambus war ja eine Weile groß in Mode, für alles von der Socke bis zum Mehrweggeschirr. Wie viel davon letzten Endes Bambus ist, wie der gewachsen ist und ob nicht doch möglicherweise die Hälfte von dem Material Kunststoff und Füllmaterial ist, darüber hüllen sich Firmen oft in Schweigen.

Irgendwer hat mir übrigens mal – und ich bin sicher, darüber habe ich schon mehrfach öffentlich geschimpft, weil das einfach zu strunzig war – vorgerechnet, dass man eine Baumwoll-Einkaufstasche mehrere hundert Male verwenden müsse, ehe sie umweltfreundlicher sei als eine Einweg-Plastiktüte, und bis dahin sei die ja schon voll eklig. Für diese Person (und alle anderen, die eventuell verunsichert sind) habe ich eine tolle Nachricht: BAUMWOLLTÜTEN KANN MAN WASCHEN!!! Und auch von diesen Exemplaren habe ich einige seit mehr als zehn Jahren in Verwendung. Das soll mir jemand mit einer Plastiktüte erst einmal nachmachen!

Kommen wir zu den Dingen, die wir gerne HÄTTEN, aber nicht BRAUCHEN. Ja, die gibt es auch, und niemand soll in Sack und Asche gehen, weil sonst irgendwo ein Vögelchen weint. Es ist okay, es sich im Leben ein wenig schön zu machen – mit Büchern, Dekoartikeln und Schmuck, einer hübschen Handtasche oder mehr Tassen, als man gleichzeitig benutzen kann. Allerdings sehe ich manchmal, wie das auch in bester Absicht dann wieder ausartet und man beispielsweise bei der Buchbestellung eimerweise Flyer, Gummibärchen, in Sondereditionen Kerzen und Kram mitbekommt, der wahlweise Staub fängt oder Platz im nächsten Altpapier wegnimmt. Und da würde ich dann wieder gerne zu etwas mehr Zurückhaltung mahnen. Goodies sind toll, ich hab auch immer mal wieder welche (Gänsepins, anyone?), aber die Menge sollte begrenzt sein und man sollte Goodies auf jeden Fall verwenden können, anstatt sie nur einmal durchzugucken und dann irgendwo abzulegen, bis man sie doch wegwirft. Deswegen habe ich so gern Postkarten bei meinen Büchern, denn die verschicke ich auch regelmäßig.

Damit wäre ich, denke ich, auch schon am Ende meiner moralisch nicht eindeutigen Position zu Sachen Klima, Umwelt und Konsum. Und denkt bitte dran: Keine Enten schubsen!

Faule Schreiber*innen

Hab ich darüber schon einmal geschimpft? Keine Ahnung, wird offenbar mal wieder Zeit.

Für jedes Genre gibt es bekanntermaßen „Tropes“. Das sind Erzählmuster und Konventionen, die sehr häufig vorkommen oder sogar vorausgesetzt werden.

Und dann gibt es Erzählfiguren, die sind nur faul. Eine befreundete Autorin hat darüber geschimpft, dass in historischen Medien Bösewichte oft darüber charakterisiert werden, dass sie Frauen schlecht oder abwertend behandeln oder ihnen gegenüber sogar (sexuell) übergriffig sind. Und sie hat völlig Recht. Für viele schreibende Personen scheint das so eine Art Abkürzung zu sein: „Die Figur ist gemein zu Frauen, da ist sofort klar, dass sie böse ist.“ Und ehrlich gesagt … ich finde das einfallslos.

Zum einen erleben fast alle Frauen regelmäßig übergriffiges Verhalten. Wir wissen, wie das funktioniert. Und in den meisten Fällen funktioniert es definitiv nicht so, wie es geschrieben wird. Ergo haben die schreibenden Personen schlecht recherchiert.

Zum anderen: Dieses Pferd ist totgeritten. Genau so gut könnte man jede*n Schurken*in eben schnell einen Hundewelpen treten lassen, um zu zeigen, wie böse und gemein er*sie ist. Oder Gänseblümchen mit dem Flammenwerfer niedermetzeln.

(In dem Zusammenhang ein kleiner Exkurs: Es macht deinen „guten Kerl“ auch nicht automatisch zu einem guten Kerl, dass er Frauen wie Menschen behandelt. Das ist ja wohl das Mindeste, was wir erwarten können.)

Denk immer daran, die meisten Schurk*innen begreifen sich selbst ja nicht als böse – egal ob in fiktiven Konflikten oder in der realen Welt. Die wissen, dass es schlecht ist, Frauen schlecht zu behandeln. Sogar die RAF-Leute dachten, sie tun der Welt einen Gefallen und nehmen dafür einige notwendige kleinere Übel in Kauf. Und Leute, die wissen, dass sie etwas Schlechtes tun (wie Einbrecher oder Diebe) können abgesehen davon ganz hinreißende Menschen sein. Möglicherweise bringen sie sogar eine subjektiv gute Begründung für ihr schlechtes Handeln mit.

Umgekehrt wird übrigens auch ein Schuh draus: Es gibt Menschen, die sich für das Gute für die Allgemeinheit einsetzen und gleichzeitig toxische Charakterzüge haben. Niemand ist nur gut oder nur böse. Natürlich ist es schwierig, eine Protagonistin mit internalisierter Misogynie sympathisch zu machen (solche lege ich meistens direkt wieder weg) oder zu erklären, warum der Komissar jetzt seine Frau betrügen muss, aber … Menschen sind kompliziert. Auch (und gerade!) die in Geschichten. Sie stattdessen als Ausstechförmchen-Figuren zu erzählen, die man nicht mal mit Details glasiert hat, wird der Geschichte in den meisten Fällen nicht gerecht.

Das bisschen Übersetzen … (ihr habt es erraten, ein Rant)

Schwarzer Hintergrund, hölzerne Tischplatte. Darauf liegt, schräg gestützt, ein aufgeschlagenes Wörterbuch.
Foto von Pisit Heng, gefunden auf Unsplash

Orr, ich hab Schnappatmung. Stellt euch eine wütende Forelle vor, oder von mir aus eine Flunder. Möglicherweise wisst ihr das, aber ich schreibe ja nicht nur Bücher und merkwürdige Blogposts – im Brotjob bin ich Übersetzerin für medizinische Fachtexte. Und ich behaupte, ich bin darin gar nicht mal so schlecht – möglicherweise fast schon ein bisschen gut. Auf jeden Fall mache ich das seit vielen Jahren mit anhaltender Begeisterung und bin mitunter sogar stolz auf das Endergebnis.

Jemand, dem ich eigentlich relativ viel Sachverstand zutraue (oder bis gerade eben zugetraut habe), hat in einem Artikel jetzt sinngemäß erklärt, Übersetzen sei ja nicht so schwer. Wer eine Sprache auf B-Level könne, könne definitiv auch schon übersetzen. (Weiter ging es dann darum, dass das ja deswegen keine Kunst sei und es keine KI-Regulierungen für KI-basierte Übersetzungen brauche, das ist ein anderes Thema … BTW, wusstet ihr, dass Übersetzer*innen das Urheberrecht an ihren Übersetzungen halten, weil die als eigenständige Texte gelten? Jetzt wird es kompliziert, ich lass das mal so stehen.)

Wer wissen möchte, was „B-Level“ bedeutet, ich kopier euch mal eben eine Definition:

B1 – Fortgeschrittene Sprachverwendung
Kann die Hauptpunkte verstehen, wenn klare Standardsprache verwendet wird und wenn es um vertraute Dinge aus Arbeit, Schule, Freizeit usw. geht. Kann die meisten Situationen bewältigen, denen man auf Reisen im Sprachgebiet begegnet. Kann sich einfach und zusammenhängend über vertraute Themen und persönliche Interessengebiete äußern. Kann über Erfahrungen und Ereignisse berichten, Träume, Hoffnungen und Ziele beschreiben und zu Plänen und Ansichten kurze Begründungen oder Erklärungen geben.
B2 – Selbständige Sprachverwendung
Kann die Hauptinhalte komplexer Texte zu konkreten und abstrakten Themen verstehen; versteht im eigenen Spezialgebiet auch Fachdiskussionen. Kann sich so spontan und fließend verständigen, dass ein normales Gespräch mit Muttersprachlern ohne größere Anstrengung auf beiden Seiten gut möglich ist. Kann sich zu einem breiten Themenspektrum klar und detailliert ausdrücken, einen Standpunkt zu einer aktuellen Frage erläutern und die Vor- und Nachteile verschiedener Möglichkeiten angeben.

(Quelle)

Das klingt doch schon nach etwas, oder? Klaro kann man mit diesem Level an Sprachverständnis/-verwendung übersetzen!

(Plattenscratschgeräusch.)

Ähm, ja, möglicherweise nicht. Zum einen enthält erst Level C auch das Verstehen implizierter Textinhalte (das, was zwischen den Zeilen steht), flexiblen Sprachgebrauch (verschiedene soziale Levels, Stilvariationen, …) und das Wiedergeben komplexer Sachverhalte. So etwas ist für eine ordentliche Übersetzung unabdingbar. Aber damit ist es nicht getan.

Gut, ja, wenn es darum geht, für Tante Walburga ein Chocolate-Chip-Cookie-Rezept zu übersetzen, kommt man mit B-Level-Englisch möglicherweise schon hin (schnell: Wie schwer ist „one stick of butter“ in US-amerikanischen Rezepten? Wie schwer ist „1 cup of flour“? Was verwendet man als „Sour Cream“?), aber Übersetzen ist viel mehr als: „Ich nehme dieses Wort in der Fremdsprache und schlage nach, was es in meiner Sprache bedeutet.“

Nicht umsonst studiert man Übersetzen üblicherweise an der Uni, und zwar auch mehrere Jahre. (Ich habe fürs Diplom sieben gebraucht, das war etwas mehr als die Regelstudienzeit.) Und das Studium besteht nicht nur aus Sprachkursen. Man studiert auch kulturelle Besonderheiten der anderen Kulturen. Und ein wesentlicher Teil der Zeit geht für Sprach- und Übersetzungswissenschaften drauf. Das war mein Lieblingszweig, ein wirklich spannendes Gebiet, ich habe die Fachbücher zuhause und schmökere da gerne drin. Man lernt eine Menge darüber, wie Kommunikation funktioniert und welche Arten von Kommunikation es gibt, auf welche Bedeutungsebene man sich bewegen kann, welche Funktionen eine Übersetzung erfüllen kann/muss, ob das Zielpublikum von Bedeutung ist etc. Viel davon verwendet man später im Übersetzungs-Alltag, etwa bei der Textanalyse oder wenn man sich für einen Stil für die Übersetzung entscheidet.

(Abschweifend: Mir persönlich fehlt im ÜS-Studium ja noch der verfeinerte Gebrauch der Muttersprache – viele erwachsene Menschen (auch solche mit Uni-Abschluss) scheitern am genauen Lesen und Erfassen komplexer Texte, da sollte man auch bei Übersetzer*innen vorbauen. Aber ich jammere gern auf hohem Niveau.)

Und eine weitere Superkraft von Übersetzer*innen: Wenn die Person, die den Ausgangstext verfasst hat, dabei so richtig Mist gebaut hat (Stichwort Speech-to-text-Hasshölle), können wir das wieder geradebiegen. Je nachdem, was das Ziel der Übersetzung ist, finden wir glaubwürdige Methoden, die Textfehler in der Zielsprache nachzubauen, oder wir merzen sie aus und verbessern den Zieltext gegenüber dem Ausgangstext sogar.

Wer wissen will, wieviel Einfluss Übersetzer*innen auf Texte haben, soll sich mal einen Buchklassiker nehmen und verschiedene Übersetzungen dazu anschauen. Ein häufiger genanntes Beispiel hierfür ist „Der Meister und Margarita“ von Michail Bulgakow. Ich bleib hier so lange sitzen, schaut euch das mal an.

Halte ich KI-Tools als Übersetzungshilfe denn jetzt für böse? Natürlich nicht. Irgendwann können sie möglicherweise sogar menschliche Übersetzer*innen vertreten. Aktuell fehlt aber noch das tiefere Textverständnis. Sogar wenn ein KI-übersetzter Text auf den ersten Blick solide klingt, merkt man beim analytischen Lesen schnell, wo Bezüge nicht richtig hergestellt werden oder Hintergrundwissen fehlt, um den Text (und die Übersetzung) im kulturellen Kontext einzuordnen.

Langer Schimpftirade kurzer Sinn: Wenn man von etwas keine Ahnung hat, sollte man vielleicht öfter mal die Fresse halten. Und auf keinen Fall sollte man auf die fachlichen Leistungen in Bereichen, von denen man keine Ahnung hat, spucken. Ich geh doch auch nicht Buchcover kritisieren oder erzähle Automechaniker*innen, das bisschen Schrauben sei keine Leistung, so einen Ölfleck auf der Hose könne sich jeder holen.

Andererseits … ich war in Bio ganz gut, und ich habe auch schon mal „Dr. Bibber“ gespielt. Wer von euch würde sich von mir operieren lassen? So schwer kann das gar nicht sein, das bisschen Aufschneiden und Herummatschen.