Von KI für KI mit KI wegen KI, weil KI

Heller Hintergrund. Im Zentrum der Oberkörper eines Spielzeugroboters, leicht retro, mit türkusfarbenem Körper und aufgedruckten Controls mit Zeigern und tasten. Er sieht irgendwie gestresst aus, ihm stehen die Haare (in Gestalt einer Spule) zu Berge.
Foto von Emilipothèse, gefunden auf Unsplash

Ich kriege tatsächlich nur Newsletter, die ich auch öffne und lese, da sortiere ich gründlich aus. Heute morgen kam ein Newsletter über Marketing, den find ich meist ganz spannend. Und es ging um eine neue große wilde Sache: KI. KI schreibt nämlich jetzt voll die krass guten Texte, da muss man kaum noch etwas selbst machen. Lass deinen Newsletter doch einfach KI-generieren (hier, mit diesem feinen Tool!).

Gleichzeitig arbeiten Leute an KI-Agenten, die deine Mails für dich lesen, das Unwichtige aussortieren und dir das Wichtige zusammenfassen.

Demnächst schreiben dann also KIs Mails, die von KIs gelesen (und wahrscheinlich aussortiert) werden.

Ich weiß ja nicht, ob das so wirklich der Sinn von Texten ist. Aber ich bin auch über 40, möglicherweise zählt meine Meinung da nicht.

Und ehe jemand mit den Augen rollt: Ich finde KI nicht per se schlecht. Nur verstehe ich nicht, warum man die spannenden, kreativen Dinge, mit denen man Verbindung zu anderen Menschen herstellt, an eine Maschine auslagern will. (Soll ja schon Leute geben, die echte Freunde durch KI ersetzen wollen. ICH BIN ALT!!!)

Off-Topic: Vor ein paar Tagen erst habe ich mehrere Screenshots von Romanausschnitten gesehen, die Leute mit KI überarbeitet hatten – und dann hatten sie vergessen, die Prompts resp. den promptresponsiven Teil der KI-Antwort aus dem Manuskript zu löschen, und niemand hat je wieder drübergelesen.

Schnuppi. Wenn dein eigenes Buch dich so wenig interessiert, dass du den finalen Text liest, warum sollte irgendwer sonst sich dafür interessieren?

Alles, was anstrengend ist, soll jetzt also an KI ausgelagert werden. Einen interessanten Text zu schreiben. Texte zu verbessern. Aufsätze über Schulthemen zu schreiben (und natürlich vorher alles zu recherchieren, wozu soll man da noch das eigene Gehirn für verwenden???). Buchcover zu generieren. Illustrationen anzufertigen. Fotos für Artikel zu erstellen. Und so weiter und so fort. Sobald nur ein Minimü kreativer Anstrengung gefragt ist, greifen Leute zur KI.

Ich glaube NICHT, dass das das Leben besser macht. Wenigstens nicht für mein Leben. Ich mag die Herausforderungen und die Verbindung. Ich schreibe gern Texte und überarbeite sie und scheitere dabei an meinen eigenen Ansprüchen, lese die dann möglichst gut (aber nicht perfekt) vor und schreibe viel zu selten Newsletter, in denen ich die Hälfte vergesse. Buchcover kann ich immer noch nicht, aber die macht mir dann eben ein andere Mensch und nicht die Maschine. Meine Fotos sind schief und meist nicht einmal mit Filtern nachbearbeitet. Gut, andererseits häkle ich ja auch mit großem Aufwand Dinge, die man für einen Zehner aus einer südostasiatischen Sweatshop-Massenfabrik kaufen kann. Vielleicht bin ich aus der Art geschlagen. ^^

Wohin wollte ich mit dem Rant? Keine Ahnung. Vielleicht kann eine KI mir das – ach nee, lieber nicht. Da zieh ich doch natürliche Verwirrung jederzeit vor.

Die hupende Männlichkeit

CN: Fatshaming, Beleidigung

Wenn das Wetter es zulässt, fahre ich ja gern mit dem Rad. Und weil wir auf einem Berg wohnen, schiebe ich gegen Ende des Heimweges öfter mal ein Stück. So auch neulich Abend, nach einem langen Tag, es wurde allmählich dunkel.

Gelegentlich fahren auf dieser Straße auch Autos. Das ist kein Problem, der Geh-/Radweg ist baulich getrennt. An dem Abend kam von hinten ein weißer Audi mit Kennzeichen aus dem Umland, die Scheibe heruntergelassen, Uffzta-Musik auf den Lautsprechern. Und ich wusste schon, was da kommt.

„Schön weiterschieben, Fetti!“ Dreimal auf die Hupe drücken, Gelächter, aufbrüllender Motor und Abgang.

Ich bin ja nicht schüchtern, brülle also „FICK DICH!!!“ und schiebe weiter.

Ein paar Minuten später kommt mir dieses Auto entgegen. Selber Programm. Diesmal sehe ich den Fahrer. Er ist maximal zwanzig, blond, trägt ein Polohemd. Für ihn ist das ein Riesenspaß. Ich meine, klar. Der ultimative Beweis seiner Überlegenheit: Eine fremde Frau anpöbeln, die vom Alter her seine Mutter sein könnte. Da werden seine Freunde ihn für bewundern. Wenn er danach nicht direkt zum Alpha-Schrömpel aufsteigt, weiß ich auch nicht.

Im Ernst, ich kann diese pöbelnden Kinder auf der Suche nach der verlorenen Männlichkeit nicht ernstnehmen. Schnuppi, du hast gerade mal einen halben Bart, und der sieht aus, als sei eine Raupe auf deinem Gesicht verendet. Willst du nicht lieber erst ein wenig über die Welt lernen und dir vielleicht einen eigenen Wagen verdienen, anstatt aus Papis (oder Mamis) Leasinglimousine heraus schlechtes Benehmen über die Landschaft zu verbreiten?

Das war nicht meine Buchmesse!

Krass, wie viel Mühe sich so eine vergleichsweise gemütliche Stadt wie Leipzig macht – veranstaltet gleich zwei parallele Buchmessen! Anders kann ich mir nicht erklären, wie sehr sich die Einschätzung von Herrn Otte von meinem Erleben unterscheidet.

Gehen wir das eben der Reihe nach durch.

Überfüllung und Stress am Eingang – ja, irgendwie schon. Bereits um neun (die Messe öffnet erst um zehn) waren die Schlangen an den Eingängen wirklich beeindruckend. Fand ich einerseits schon lästig, andererseits: Hurra, so viele Leute interessieren sich für Bücher! Wenn so viele Leute in die Hallen wollen, wird es natürlich auch voll. Zeitweise war der Zugang zu einigen Hallen beschränkt, damit es eben nicht zu voll wird. Für introvertierte Hamsterbacken wie mich ist das natürlich nicht einfach, aber mehr als üblich hätte ich darüber jetzt nicht gejammert. Es ist halt Messe. Es wird voll.

Rosa Kunstblumen – gut, wo ist das Problem? Die Ausstellenden haben sich um eine angenehme Atmosphäre bemüht. Kann man schlecht finden, aber … warum? Oder ist das Problem, dass die Kunstblumen rosa waren? Ich bin verwirrt.

Verpasste Termine – ja, davon hab ich gehört. Vielleicht kann man die Messe davon überzeugen, zulaufstarke Termine ab dem kommenden Jahr erst eine halbe (oder ganze) Stunde nach Messebeginn zu legen? Ich meine, das ist ja ein Problem, dass sich einfach lösen ließe, wenn etwa das komplette Programm erst um 10:30 h beginnt und die großen Zugpferde auf die Zeit ab elf (oder zwölf) verlegt werden. Ich stelle es mir schwierig vor, so viele Programmpunkte zu koordinieren, aber gewiss lässt sich da etwas verbessern.

Cosplay – vorhanden, auch reichlich. Ich bin immer wieder beeindruckt, wie viel Mühe sich diese Leute mit ihren Kostümen geben. Also, ich könnte das nicht. Warum Herr Otte das jetzt unbedingt so hart sexualisieren muss, weiß ich nicht. Vielleicht Prägung? Möglicherweise ist er gewohnt, dass jede Schulter und jedes Knie, womöglich gar der Bauchnabel, exklusiv zur Erbauung der männlichen Zuschauer entblößt wird. Das ist aber ein „Ihm-sein-Problem“, keines der Allgemeinheit. (Von einer „Mehrheit“ kann man übrigens kaum sprechen. In den Hallen Drei und Fünf, wo ich die meiste Zeit über war, waren vielleicht 10 % der Besucher*innen aufwändig kostümiert. Ich vermute, dass Herr Otte eine gewisse Matheschwäche hat. Oder er war nur in Halle Eins, da sah es natürlich anders aus.)

Ein Mangel an rechten Verlagen – hurra! Endlich Ruhe vor dem braunen Gesocks! Oder etwa nicht? Einige wenige konnte man auf der Messe erspähen mit ihrer üblichen Rhetorik („Die Woken starten die nächste Buchverbrennung!“##), aber insgesamt war es erstaunlich friedlich. Klar, Diskussionen und Streit gehören zum Alltag, aber: Will man wirklich mit Leuten diskutieren, deren Ideologie klar menschenverachtend und demokratiefeindlich ist? Also, ich nicht unbedingt. Muss jede*r selbst wissen. Angeblich soll es in Halle eine rechte Gegen-Buchmesse geben, da kann Herr Otte sich ja hinstellen und eine friedliche Diskussion unter zivilisierten Leuten abhalten. Ich bin gespannt, wie das ausgeht.

Kuscheln bei Podiumsdiskussionen – dazu kann ich nicht viel sagen, ich habe mir kaum Programmpunkte angeschaut. Möglich, dass es zu harmonisch zuging. Aber es ist ja durchaus möglich, im nächsten Jahr reibungsfähigere Programmpunkte anzumelden: „Buchboxen bis zum Blackout“ oder „Verlagskeilerei de luxe“? Bitte ja!

Romantasy und Co – erstens kann man das alles nicht in einen Topf werfen. Zweitens finde ich die genannten Genres („Romance oder Dark Romance, Romantasy oder New Adult“) selbst nicht soooo prickelnd, doch weißte was? ICH LES DIE EINFACH NICHT. „Softporno im Buchformat“, schön und gut. Erinnert mich hart an die laufende Kritik an Romance Novels, die seien ja nur „female wish fullfilment“ – und all die auf das männliche Publikum ausgerichteten Western, Thriller, … nicht? Ob man sich jetzt mit dem ultimativen Fighting Champion mit Waffenschein identifiziert oder mit der wunderhübschen Bäckerin, die den Witwer um den Finger wickelt, ist doch letzten Endes schnuppe. Ist möglicherweise keine hochwertige Literatur, aber Lesen darf auch schon einfach nur mal Spaß machen.

Alles in allem also: Pusteblume. Es steht allen Besuchenden frei, sich die Messe so schön und harmonisch oder kontrovers und aufregend zu machen, wie sie wollen. Ich finde es gar nicht schlimm, mal vier Tage mit Leuten friedlich-angeregt über Bücher, den Markt und Buchideen zu reden. Streiten können wir das ganze restliche Jahr über immer noch.

Und wer zieht mit mir jetzt das Buchboxen auf?

##Buchverbrennung? Bitte was? Denk doch mal einer an den CO2-Ausstoß! Bücher werden gefälligst kompostiert. Oder geschreddert und als Füllung für vegane Schnitzelalternative verwendet. Tsk!

Zur Glaubwürdigkeit des WDR

Wusstest du, dass der WDR seeeehr um seine Glaubwürdigkeit besorgt ist? Ja, so hab ich auch geguckt. Und weil ich mich für extrem lustig halte, habe ich das natürlich mit einem Leserinnenbrief quittiert, den ich dir nicht vorenthalten möchte.

Liebes WDR-Team, sehr geehrte Frau Vernau,

um die Glaubwürdigkeit des WDR zu erhöhen, finde ich, Sie sollten auch meine Meinung zu verschiedenen politischen Themen abbilden. Zwar hat mich niemand gewählt, aber ich bin eine genau so absurde politische Randerscheinung wie die AfD (und viel weniger menschenfeindlich). Also:

Ich fordere ein Verbot hässlicher Hüte.

Alleinstehenden Frauen ab 30 sollten gratis Katzenbezugsscheine zugeteilt werden.

Für eine Waldspaziergangspflicht (und wer seinen verdammten Müll nicht mitnimmt, wird mit dem Kopf in die Wildsausuhle getunkt).

Ihr Publikum wartet sicher schon angespannt auf diese und weitere Weltgedanken, die ich Ihnen nur zu gerne zukommen lasse.


Okay, und jetzt im Ernst? Ich dachte, es ist inzwischen klar, dass wir nicht mit Demokratiefeinden und Faschisten spielen. Das kann doch nicht so schwer sein. Lassen Sie bitte die AfD aus Ihren Gesprächsrunden und Meinungsbildern raus … oder ordnen Sie sie wenigstens deutlich als die Flitzpiepen ein, die sie sind.

Mit freundlichem Gruß
Diandra Linnemann

Welche politischen Forderungen möchtest du vom WDR veröffentlicht sehen?

’ships passing in the night …

(Geduldet euch, ich bin krank und rede wirres Zeug.)

Seit ich mich von FB, Twitter, Insta, Threads etc. fernhalte, brauche ich ja neue Prokrastinationshilfen. Eine davon ist Tumblr. Ja, gibt es noch. Macht auch Spaß. Aber mir ist da (unter anderem in FanFiction-Bereich) etwas Merkwürdiges aufgefallen.

Ehe jemand motzt: Kein Shaming welcher Art auch immer! Tut mit euren FanFictions, was auch immer ihr wollt!

Jedenfalls hab ich das auch schon vorher erlebt, etwa rund um den „Captain Marvel“-Film seinerzeit.

Wovon redet die Frau?

Also. Äh. Genau.

Wenn zwei Figuren in einer Serie/Film/… eine enge freundschaftliche Beziehung haben, gehen viele Personen offenbar direkt davon aus, dass da eigentlich eine romantische Beziehung stattfindet. Und ich gucke mir das seit einer Weile an und frage mich: Was für Freundschaften habt ihr, dass Nähe von eurem Gehirn automatisch mit „Romantik“ übersetzt wird?

Egal of Dr. House und Wilson oder eben bei Captain Marvel … – direkt referenziert habe ich das vor ein paar Tagen erst in der Serie „Psych“ gesehen (zwei seit langem befreundete junge Männer führen gemeinsam eine angeblich übersinnlich agierende Detektei – kein großes Kino, aber auch nicht ganz schlimm). Dort wird sogar in der Serie immer wieder von weiteren Figuren darauf angespielt, die beiden wären doch bestimmt ein Paar und es sei doch gar nicht schlimm, sie müssten nur zueinander stehen und bla.

(Der Beziehungsstatus von Dritten geht mich gar nichts an, das einmal ganz am Rande, aber darum geht es gerade nicht.)

Leute, die jede Vertrautheit direkt in einem romantischen Kontext lesen: Haben die keine guten Freunde? Niemanden, den man im eigenen Bett übernachten lassen würde? Niemanden, für den man in der Nacht durch den Sturm fahren würde, wenn die andere Person an einer Haltestelle gestrandet ist und kein Zug mehr fährt? Niemanden, mit dem man eine Vergangenheit hat UND eine Zukunft plant? Niemanden, dessen Schrullen einen auf die Palme bringen, ohne den man jedoch nicht leben wollte?

So merkwürdig kann das doch nicht sein.

Ich meine, wen rufen die mitten in der Nacht an, wenn es eine Katastrophe gibt?

Also ja, im Ernst. Ich mache mir Sorgen um die Freundschaftskultur mancher Leute. Oder wenigstens darum, wie Freundschaften dargestellt und rezipiert werden. Sucht euch gefälligste Gleichgesinnte, denen ihr vertrauen könnt, und lasst mehr Nähe zu!

(Das alles von einer Frau, die mit Hingabe tage- und wochenlang mit niemandem redet, Sprachnachrichten als unhöflich empfindet und sich schon auf den Moment freut, wenn sie endlich in ihr Häuschen im Sumpf ziehen kann.)

Wie mich Kleber sozial radikalisiert hat

Auf einem aufgeschlagenen Buch liegt ein Lesezeichen aus dunkelblauem Tonkarton. Aufgeklebt ist eine hellblaue Feder mit vielen kleinen Details. Am oberen Ende des Lesezeichens gibt es ein Bändchen aus blauer Wolle.
Ein Lesezeichen für die „13 mit Feder“. Ist es nicht schön?

Am Wochenende wurde ich durch Klebstoff radikalisiert. Es war ein Versehen.

Möglicherweise hatte ich es noch nicht erwähnt, aber ich bin unter anderem mit dem Autor*innenzusammenschluss 13 mit Feder auf der Leipziger Buchmesse. Und da ich unglaublich enthusiastisch und schlecht mit Zeitmanagement bin, habe ich angeboten, als kleines Goodie Lesezeichen zu basteln. Ich hab nämlich so eine Präge- und Stanzmaschine zuhause und zufälligerweise auch Feder-Schablonen, das passt ganz hevorragend.

Wer mich nicht kennt, dem sei gesagt: Ich bin nicht gut im Basteln. Das wurde mir schon in der Grundschule bestätigt. Beispielsweise hatten meine Werkstücke immer sichtbare Kleberspuren. Gab natürlich schlechte Noten. Tja, dachte ich mir, das findest du jetzt wohl schnell raus, wie man Kleberspuren vermeidet. (Wie gesagt: Enthusiastisch und schlecht mit Zeitmanagement.)

Weißt du, wie man die vermeidet?

Man kauft den GUTEN Kleber. Den teuren, den meine Eltern sich nie leisten konnten. Nicht den für (damals noch) DM 0,99 für die 200 ml-Flasche aus dem Discounter, sondern den für (aktuell) € 6,99 für 50 ml. Ich wollte den einfach mal ausprobieren, und soooo viel Klebstoff brauche ich ja gar nicht. Um ehrlich zu sein, ich war überzeugt, mit dem höheren Preis kauft man in erster Linie ein Marken-Etikett.

Siehst du auf dem Foto oben, ob ich gekleckst habe? Nee, siehste nicht. Und ich schwöre, ich hab gekleckst. Nicht viel, ich war ja vorsichtig. Aber der verdammte teure Kleber, den meine Eltern sich nicht leisten konnten, trocknet tatsächlich einfach unsichtbar. WTF??

Na gut, eine Kunst- oder Werken-Note in der Grundschule ist nicht direkt weltbewegend, wenn man es auf das ganze Leben umrechnet. Trotzdem bin ich empört. Diese Ungerechtigkeit! Meine Mitschüler*innen waren gar nicht alle ordentlicher und sorgfältiger und besser im Basteln als ich – wenigstens nicht alle. Einige von ihnen hatten wahrscheinlich einfach den guten Kleber. Wer also, grob überschlagen, das vierfache (minus Inflation etc., umgerechnet auf den Literpreis) für Klebstoff zahlen kann, kauft sich damit einen Notenvorteil.

Außerdem wissen wir, dass das nicht beim Klebstoff Halt macht. In der Oberstufe hatte ich einen Mitschüler, der einfach in jedem einzelnen verdammten Fach wöchentlich Nachhilfe bekommen hat. Bis zum Abi. Wie teuer ist Nachhilfe aktuell? Sagen wir, der Einfachheit halber, 20 Euro/Stunde? Und wie viele Fächer hat man in der Oberstufe noch? Das Internet behauptet, es seien 12. Variiert wahrscheinlich von Bundesland zu Bundesland. Ich rechne mal großzügig zwei ab, Sport und Kunst. Und behaupten wir, es gibt noch zwei Fächer, die der Schüler vielleicht auch ohne Nachhilfe stemmt. Bleiben noch acht Stunden Nachhilfe pro Woche, à 20 Euro. Also 160 Euro pro Woche – für ein Kind. (Wir waren drei Kinder zuhause.) Wer sich das leisten kann, kriegt auch ein weniger schulisch begnadetes Kind durchs Abi. (Disclaimer: Der Schüler hatte keinen Einser-Schnitt. Auch keinen Zweier-Schnitt. Aber wer schaut, wenn du erst einmal erwachsen und im Beruf angekommen bist, jemals wieder auf die Abi-Note?)

Und so hat mich ein freiwilliges Bastelprojekt für die Leipziger Buchmesse noch ein wenig stärker radikalisiert.

Die kleberspurenfreien Lesezeichen gibt es auf der LBM übrigens am Stand E304 in Halle 5, etwa beim Buchkauf. Ein paar von meinen Büchern sind auch dort.

Was, bitte, ist „Bookshelf Wealth“???

Vor einer dunkelgrauen Wand stehen vier Bücherregale unterschiedlicher Größe. Die Bretter sind mit vielen dünnen bunten Büchern gut gefüllt, vielleicht 20 Prozent Raum ist noch frei. Auf den drei linken Regalen stehen graue Kästen, aus denen Efeu sich üppig über die Regale rankt und den Inhalt teilweise verdeckt. Die Bücher wirken gelesen.
Foto von Pawel Czerwinski, gefunden auf Unsplash

Manchmal, wenn ich im Tag 20 Minuten übrig habe, schaue ich wahllos Videos auf YouTube und streichle dabei den Kater. Und gestern bin ich dabei über etwas gestolpert, was angeblich 2024 ein Social-Media-Trend war. Ich krieg das ja nicht mit, ich bin über 40. Also, der Trend heißt „Bookshelf Wealth“, übersetzt „Buchregal-Wohlstand“, und worum geht es? Simpel gesagt: Bücherregale als bewusst gewählter Teil des Einrichtungs-Designs.

Jetzt war der Mensch, der diesen (und andere Trends) bewertet hat, nicht so recht angetan von „Bookshelf Wealth“. Sein Haupt-Argument: Niemand würde tatsächlich so viele Bücher lesen, also sei das nur Ramsch, den man teuer kauft, ein paar Mal abstaubt und irgendwann entsorgt.

Bitch, was???

Aus meiner 15-Quadratmeter-Studentenbude haben wir bei meinem Auszug 24 Kubikmeter Bücher mitgenommen (ein ganzes Kellerabteil voll, deswegen weiß ich das – etliche Bananenkartons). In unserer Wohnung gibt es in jedem Raum (außer im Bad – da liegen die Zeitschriften) mindestens ein Bücherregal, und die sind alle überfüllt – und ja, drei Viertel der Bücher habe ich bereits gelesen. Der Rest ist für den Fall, dass ich mal ein Jahr zuhause sitze und mich langweile.

(Bis 2019 hätte man über diesen Witz gelacht.)

In der Küche ächzt eine Kochbuchsammlung in einem 2 x 1-Meter-Regal.

Die Wörterbuch-Sammlung steht im Flur.

Das Schlafzimmer enthält ein Regal mit Nachschlagewerken und eines mit den Büchern, die ich entweder gerade gelesen habe oder als nächstes lesen will.

Mein Büro ist sowieso eine Bücherhalde, doch es gibt tatsächlich eine Wand, die nur aus Buchregal besteht (und eine für Bastelmaterial, weil ich mehr Enthusiasmus als Zeitmanagement betreibe).

Im Wohnzimmer stehen die „hübschen“ Bücher – Bildbände, Sammlerausgaben, Kuriosa etc.

Der Mann versteckt seine Fachbücher in seinem Büro vor meinen gierigen Griffeln.

Und dabei sind die zigtausend eBooks gar nicht erwähnt, die sieht zum Glück niemand.

Übrigens behalten wir längst nicht alle Bücher, die wir je anschleppen. Nur die, die wir mögen. Der Rest landet in Bücherschränken oder bei lesenden Freund*innen.

Ehrlich gesagt, wenn ich in eine Wohnung käme, in der es keine Bücher gäbe, käme ich mir merkwürdig vor. Klar, nicht jeder ist so eigen wie wir und schleppt einfach ALLES an, aber … gar keine Bücher? Kein einziges? Nicht einmal eins mit Bildern?

Apropos, vor einigen Jahren gab es mal die Empfehlung, man solle Bücher nicht mit dem Rücken, sondern mit dem Buchschnitt nach vorn ins Regal stellen, damit es einen harmonischeren Anblick gäbe (das war vor Farbschnitten, ich fühle mich gerade alt ^^ ). Wie, zum Henker, soll man da jemals etwas wiederfinden???

Also: Bücher sind eines der günstigsten Laster, die man haben kann. Viel billiger als Rennwagen und gesünder als Koks. Lass dir also nicht einreden, dass man sich die Wohnung bitte gefälligst NICHT bis unter die Decke und in drei Reihen mit Büchern vollstopfen soll, die einen irgendwann im Schlaf erschlagen. Wir Bücherwürmer haben schließlich Standards.

Hätte ich mir doch nur gemerkt, was ich geschrieben habe!!!

Dann müsste ich in „Zuflucht in Schattenfall“ jetzt nicht andauernd Kommentare an den Rand schreiben, dass ich Beschreibungen, Namen etc. mit Band 1 abgleichen muss. Zum Glück weiß ich, dass das auch anderen Schreibenden so geht. Man braucht eine Weile, bis man in einer selbstgeschaffenen Fantasiewelt fest im Sattel sitzt. Und weiß, wie dieser Sattel aussieht, oder wie das Pferd heißt, auf dem er liegt … und ob das überhaupt ein Pferd ist.

Das war ja bei „Magie hinter den sieben Bergen“ so ein bisschen ein Vorteil – wenigstens die Schauplätze sind real, die musste ich mir nicht ausdenken und merken. Und ab Band 3, meine ich, waren auch die anderen Details in meinem Kopf verankert. Es lohnt sich also nicht, Serien zu schreiben, die weniger als drei Bände haben. Zum Glück ist „Schattenfall“ auf vier Bände ausgelegt, da lohnt sich das wenigstens. (Dieser Satz kann eine Spur Sarkasmus enthalten.)

Ich vermute ja, dass deswegen manche Autor*innen so endlose Serien mit wechselnden Charakteren in derselben Welt schreiben – wenn man sich endlich an Dinge erinnert, will man sie ja auch verwenden!

Irgendwann finde ich eine Geschichte, in der sich ständig ändernde Umgebungen, Haut- und Augenfarben als Bonus und nicht als Hindernis erweisen, dann hab ich gewonnen.

Wie kann das eigentlich sein, dass Leser*innen sich immer direkt an so einen Kleinkram erinnern, und für mich als Autorin ist es so eine Arbeit? Ich prangere das an! ^^

Alles Schweine (und was man damit macht)

Nein, es geht nicht um Politik. Oder höchstens so gaaaaaanz mimi-minimal am Rande.

(Das sollte „mini-minimal“ heißen, aber da ich heute jammern werde, lasse ich das so stehen.)

CN sexuelle Übergriffigkeit, generelles Arschlochverhalten

Grundsatzfrage: Wie gehen wir damit um, wenn eine eigentlich beliebte Person des öffentlichen Lebens plötzlich als absolutes Arschloch dasteht? Bei JKR bin ich nicht persönlich betroffen und kann sie ganz entspannt aus meinem persönlichen Leben verbannen. Kein großes Ding! Und während ich in den letzten Jahren beobachtet habe, wie sie sich immer weiter in die transphobe Ecke manövriert , habe ich parallel überlegt: Wie redest du, wenn es jemanden trifft, den du verehrst? Hier kannst du von deinem hohen Ross aus ja gut predigen, und die Aussicht ist auch schön sonnig.

Tja, jetzt haben wir unsere Antwort. Noch vor wenigen Jahren habe ich ihn in einem Vortrag als Beispiel für positives Verhalten bei öffentlichen Fehltritten verwendet, jetzt sieht das etwas anders aus: Offenbar ist Neil Gaiman ein Arschloch. Und wer mich kennt, kann bestätigen: Ich war ein absolutes Fangirl. Aber nicht länger. Die Bücher wandern auf das hinterste, finsterte Regalbrett. Das Autogramm kommt von der Wand. Die Serien gucke ich mich nicht mehr an. Denn ich bin es leid, leid, leid, Arschlöchern Geld und Aufmerksamkeit hinterherzuwerfen.

Es ist ja eine Sache, wenn man nicht in allen Dingen einer Meinung ist. Ich finde es nicht schlimm, wenn Künstler*innen, die ich gern rezipiere, andere Ansichten zu den meisten Themen haben – solange es nicht ins Menschenfeindliche abgleitet. Als Menschen sind wir nicht so zerbrechlich, dass wir am kleinsten Widerspruch kaputtgehen. Und es ist auch gar nicht möglich, immer ein perfekt guter, weiß strahlender, sauberer Überheld zu sein. Vor allem nicht, wenn man in der Realität existieren muss. Aber bei solchen Übergriffen ziehe ich eine Grenze. Nicht, dass meine winzigen finanziellen Beiträge oder deren Ausbleiben einen Unterschied machen. (Außer für mein Gewissen.)

An der Stelle zwei Dinge:

1. Ja, ich kenne die Idee „Unschuldig, bis das Gegenteil bewiesen ist“ – gilt aber in erster Linie in juristischem Kontext. Ich glaube den Opfern. Und mal im Ernst – wenn ich Leute NDAs unterschreiben lasse, dann ist mir doch klar, dass ich andernfalls schlecht wegkomme bei der Sache.

2. „Trennung von Kunst und Künstler“ liest sich so heroisch. „Hach, ich bin ja kein emotionales Wesen, sondern ein intellektuell getriebener Rezipient von Kunst!“ Bullshit. Also, kannste machen, ist aber nicht beeindruckend. Ausnahmen mache ich manchmal für tote Künstler*innen, die nicht mehr davon profitieren, dass Leute ihr persönliches Vergnügen an ihren Werken über das Leiden der Betroffenen stellen. Aber nicht einmal das muss man. Es gibt hunderte Künstler*innen, über deren finsterste Verfehlungen und Perversionen wir noch nichts wissen. Konsumiere ich doch lieber die.

Und bis jetzt tut es mir nicht leid. Es gibt so viele gute Autor*innen da draußen, die entweder keine kompletten Sackgesichter sind oder bei denen es noch nicht öffentlich bekannt ist. An die halte ich mich. Und ehe jemand fragt – nein, ich möchte auch nicht von meiner Kunst getrennt werden. Lies bitte alle meinen Geschichten in dem Wissen, dass dahinter eine schlechtgelaunte, ungeduldige, manchmal garstige alte Hippiehexe mit Temperamentsschwankungen und Laktoseintoleranz steckt. Ich bemühe mich, ein anständiger Mensch zu sein, versage dabei immer mal wieder und mache es hoffentlich besser, wenn ich es besser weiß. Keine Versprechungen.

(Disclaimer: Der Mann hat kein NDA unterschrieben. Der könnte euch Dinge erzählen! Einmal hab ich ihn im Schlaf geboxt. Und die Katzen verhungern mehrmals täglich. Catnesty International ist schon informiert.)

Was zum Henker, Herr Merz???

Es hätte ja so schön sein können. Egal, wie zerstritten und garstig gegeneinander giftend die deutschen Parteien, in einem sind sie sich einig: Niemand spielt mit den Nazis.

Bis gestern.

Logo "Autor*innen gegen Rechts": Ein roter Kreis auf weißem Grund, darin links eine rote Schreibfeder neben dem Schriftzug "Autor*innen gegen Rechts". Am Fuß des Schriftzugs eine geschwungene Linie.
Da sind wir uns einig, hoffe ich.

Jetzt sind Autor*innen (und Künstler*innen generell) ja durchaus politisch motivierte, freidenkende und streitbare Geschöpfe. Innerhalb weniger Tage hat sich jetzt allerdings, in Reaktion auf all die absurden Dinge, die in der Politik und in der Welt aktuell geschehen, ein Zusammenschluss gefunden: Die Autor*innen gegen Rechts. Egal, was wir uns sonst so denken: Darauf können wir uns einigen.

Jetzt mag man anmerken, nur „gegen“ etwas zu sein, sei noch keine Haltung, doch ich werfe ein: „Kein Rosenkohl“ ist eine genau so valide Haltung wie „keine Nazis“. Ob wir stattdessen eine Basisdemokratie haben wollen, das Königreich der Drachen oder doch lieber ein Matriarchat zur Anbetung des großen Hummergottes, darüber können wir später streiten. Wenn gerade nicht deutsche Politiker*innen mit Kanzlerschaftsanspruch mit der AfD gemeinsam Mehrheiten ergaunern (ich sehe Sie an, Herrn Merz!), Gewalttaten nur zur politischen Stimmungsmache ausgeschlachtet werden und Gedenkveranstaltungen zu den Gräueltaten der 30er und 40er Jahre von irgendwelchen Blitzbirnen gestört werden, für die „nie wieder ist jetzt“ nur gilt, wenn sie über ihre eigene Reflektionsfähigkeit nachdenken sollen – haben wir noch nie gemacht, fangen wir jetzt nicht mit an.

Einige denken jetzt vielleicht: Toll, da stellt sich eine hin und schreibt was, interessiert doch keinen. Möglicherweise ist das wahr. Ich erwarte jedoch, dass sich ganz viele hinstellen und Dinge schreiben, malen, sagen, dichten, herausbrüllen, … – und dass diese einzelnen Handlungen einen kumulativen Effekt entwickeln. Wenn du also kannst: Geh zu Demos. Schreib deinen Abgeordneten. Schreib der CDU im Konrad-Adenauer-Haus in Berlin. Schreib Blog Posts, SoMe-Beiträge und Forenrants. Positionier dich öffentlich. Sprich mit deinen Mitmenschen – sonst wachst du in nicht allzu ferner Zukunft auf und hast sehr viel weniger von denen, und die alle in der gleichen langweiligen Geschmacksrichtung.

Und sag jetzt nicht, ich sei eine Schwarzseherin. Wir haben all den Käse vor nicht einmal hundert Jahren schon gehabt. Wir sehen in anderen Staaten, wie es ausgeht, wenn faschistische Kräfte plötzlich „Verantwortung“ übernehmen. Das können und (hoffentlich) wollen wir uns nicht noch einmal erlauben.

Genug gerantet. Demnächst wieder Katzen und Blümchen und Zeug.