Vom Gutes-Tun und vom Gutes-Fühlen

Ein Obdachlosenlager. Kartons, eine Matratze, mehrere abgenutzte Decken und Kissen. Auf dem Boden davor ein Schild aus Pappe (nicht lesbar) und ein Becher für Mpnzen. Der Boden ist mit Unrat bedeckt.
Foto von Jon Tyson, gefunden auf Unsplash.

Manchmal wundere ich mich über Menschen.

Seit einiger Zeit geistert ein Text im Internet herum. Ich verlink den nicht – warum, wird gleich hoffentlich klar – aber in Kurz erzählt jemand aus der Ich-Perspektive, wie er*sie vor einem Café saß und beobachtete, wie einige junge Leute zu einem Obdachlosen gemein waren. Dann ging die Person in den nächsten Laden und kaufte Lebensmittel, Socken etc. für den Obdachlosen. Der wollte die Sachspende erst nicht geschenkt nehmen, sondern mit den Spenden des Tages (Centbetrag) bezahlen. Der Text ist garniert mit Ausdrücken echter Empörung und Betroffenheit. Am Ende folgt ein Aufruf, wir sollten doch alle bessere Menschen sein.

Dieser Text wurde mindestens seit Anfang des Jahres im exakten Wortlaut von etlichen Profilen, die nicht zur gleichen Person gehören, kopiert. Ohne Quellenangabe, ohne zeitliche Einordnung. Es klingt immer so, als habe die postende Person das Beschriebene „gestern“ erlebt. Natürlich frage ich mich: Warum tut jemand so etwas? Klar, da soll Aufmerksamkeit generiert werden. Mehr dazu gleich.

Eine Bekannte bei Facebook teilte gestern den nämlichen Text, den ein weiteres Profil kopiert hatte. Das ist erst einmal nicht verwerflich, denn es ist wichtig, auf soziale Missstände wie Obdachlosigkeit aufmerksam zu machen. Als ich sie allerdings darauf aufmerksam machte, dass das Beschriebene nicht authentisch sei, geschah etwas merkwürdiges. Sie war sauer auf _mich_, weil ich nicht betroffen ob der Obdachlosigkeit und der Gemeinheit der jungen Leute war, sondern mich darüber empörte, dass von er postenden Person gelogen wurde. Es sei doch gut, wenn jemand über ernste Themen schreibe, und letztendlich zähle das Gefühl und nicht, ob das da echt sei oder nicht.

Äh, nein.

Zugegeben, ich verbringe einen großen Teil der Zeit damit, mir Geschichten auszudenken und sie Leuten unterzujubeln. Allerdings deute ich niemals auch nur an, dass irgendwas von dem, was ich schreibe, wahr und so tatsächlich gerade eben erst passiert sei.

Was macht dieser Text denn? Wird damit tatsächlich etwas gegen Obdachlosigkeit getan? Werden praktikable Lösungen für ein ernstes Problem aufgezeigt? Oder geht es vielmehr darum, dass die postende Person so tut(!), als habe sie etwas total Selbstloses für jemanden getan, zu dem alle anderen echt voll gemein waren? Ich meine – klar, mit so einem Post kannst du eine Menge Aufmerksamkeit online generieren. Jede Menge Menschen werden dir zustimmen, dich loben, über die gemeinen anderen Leute schimpfen, Obdachlose bedauern und den Quark eben weiter teilen, weil der Text Gefühle in ihnen auslöst.

Wem so ein Text nichts bringt? Logo, den Obdachlosen.

Und ich rede noch nicht einmal davon, wie herablassend es ist, für eine vollkommen fremde erwachsene Person einen Großeinkauf zu tätigen, was da ja angeblich passiert ist. Das ist sowieso so ein Pet Peeve von mir – Leute, die Obdachlosen und anderweitig bittenden Personen aus Prinzip nur Sachspenden geben, weil „sonst versaufen die das ja eh nur“. Bevorzugt gesagt von Leuten, die gerade auf dem Weg in die Kneipe sind, denn wenn du einen festen Wohnsitz hast, darfst du natürlich Nervengifte konsumieren, soviel du magst. Nur bei den Leuten, die wir als sozial schwächer aufgestellt wahrnehmen, ist das ein Problem. Genau wie bei rauchenden Arbeitsuchenden, da wird auch immer der mahnende Zeigefinger erhoben. Es scheint ein menschliches Grundbedürfnis zu sein, andere Leute zu belehren und zu verurteilen.

(Disclaimer: Ja, ich bin judgemental as fuck. Würde nie etwas anderes sagen. Es ist eine meiner besseren Eigenschaften.)

Und warum teilen Leute so etwas? Warum sind sie empört, wenn solche Texte kritisiert werden? Ich vermute, dass diese Texte ihnen ein diffus gutes Gefühl verpassen. Sie lesen, wie jemand (angeblich!) etwas Gutes getan hat, und dann fühlt das Gehirn sich ganz warm und flauschig an. Sie stellen sich vor, dass sie natürlich ähnlich handeln würden, also macht sie das zu besseren Menschen. Das Gehirn unterscheidet nicht notwendigerweise zwischen dem, was wir lesen/hören/sehen und dem, was wir tatsächlich tun.

Einmal mehr: Wem hilft das nicht? Obdachlosen Personen.

Während man sich also total solidarisch und selbstlos fühlt, ist man eigentlich nur auf die eigenen Bedürfnisse konzentriert.

Und wo wir gerade dabei sind – was kann man Obdachlosen denn nun wirklich Gutes tun?

Zuerst einmal sage ich natürlich NICHT, dass du mit den persönlichen Spenden aufhören sollst. Aber Spenden sind eine temporäre Lösung für ein chronisches Problem. Das gilt auch für Spenden an ehrenamtliche Organisationen, die sich um die Bedürfnisse Obdachloser kümmern. Bitte dennoch weitermachen! Schau, ob du dich irgendwo ehrenamtlich engagieren kannst (Bahnhofsmission o. ä.), wenn du die Kapazität hast. Und vor allem: Engagier dich auf politischer Ebene. Obdachlosigkeit ist nämlich nicht gottgegeben, sondern ein Ergebnis dessen, wie unsere Gesellschaft aufgebaut ist. Inzwischen gibt es gute Studien dazu, dass man Obdachlosigkeit viel effizienter (und günstiger!) bekämpfen kann, indem man den obdachlosen Personen Zugang zu einem festen Wohnsitz und einem eigenen Bankkonto verschafft und sie dabei betreut, sich wieder ein geregeltes Leben aufzubauen.

Natürlich eine kleine Sob Story zum Schluss: Als ich noch Studentin war, saß an der Uni immer ein Obdachloser und bettelte. Ich hatte nicht viel (Bafög plus Kindergeld), aber wenn ich etwas übrig hatte, gab ich ihm. Außerdem haben wir uns ab und zu unterhalten, wenn ich zwischen Kursen etwas Zeit hatte. Er hatte angefangen, zu viel zu trinken, nachdem seine Frau gestorben war, hatte Job und Wohnung verloren und musste nun gucken, wie er irgendwie durchkam. Irgendwann saß er nicht mehr an seinem üblichen Fleck. Aber einige Jahre später sah ich ihn zufällig auf dem Weg ins Büro im Bus – und in wirklich präsentablem Zustand. Er hatte es tatsächlich geschafft, wieder Fuß zu fassen, und war selbst auf dem Weg zur Arbeit. Damit hatte ich kein Stück zu tun, und ich weiß auch nicht, wie diese Wendung zustande gekommen ist (ich musste zwei Stationen später wieder aussteigen), aber ich war extrem erleichtert zu sehen, dass er nicht aus traurigen Gründen verschwunden war.

Jetzt können wir uns alle kurz gut fühlen, und dann machen wir bitte weiter damit, die Welt tatsächlich zu verbessern.

Niemals geht man so ganz

Oft spotte ich über Autor*innen, die ihre Charaktere einfach nicht gehen lassen können. Ihr habt das bestimmt schon einmal gesehen – Serien, die entweder in Belanglosigkeit oder in immer skurrileren Abenteuern versanden, mit Charakteren, die sich irgendwann nicht mehr weiterentwickeln können und nie zur Ruhe kommen.

So eine bin ich nicht. Behaupte ich wenigstens steif und fest.

Und auch wenn immer mal wieder Leute danach fragen: „Magie hinter den sieben Bergen“ ist abgeschlossen. Es war eine schöne Reise mit tollen Charakteren und großartigen Abenteuern, aber jetzt ist Zeit für etwas Neues.

Aber so richtig, echt, wirklich GANZ sind sie ja doch nicht weg.

Aufmerksame Lesende haben den Gastauftritt in „Willkommen in Schattenfall“ bestimmt bemerkt – mein liebster Moment im Buch, glaube ich.

Gelegentlich überlege ich, wie Helenas Leben heute wohl aussehen würde. Seit „Grimmwald“ sind fünf Jahre vergangen. Die Welt hat sich verändert. Helenas Familie hat sich verändert. Und ganz gelegentlich kriege ich Splitter mit – Szenen, kurze Episoden, Minigeschichten.

Nein, ich schreibe kein komplettes neues Buch, oder wenigstens behaupte ich das heute. Aber es kann doch nicht schaden, die eine oder andere winzige Kurzgeschichte … ?

Offenbar ist sie also doch nicht ganz weg. Listige Hexenbiester.

Ein Stern, der deinen Namen trägt – auf Amazon!!!

Im Moment wird unter Autor*innen wieder verstärkt über Rezensionen geredet. Gut, ganz weg ist das Thema nie, aber gerade falle ich öfter drüber als in den letzten Wochen. Und das Thema dreht sich natürlich im Kreis.

Natürlich sind unsere Bücher für uns die tollsten, besten, schönsten der Welt. Also wollen wir, dass alle anderen Menschen sie bitte genau so sehr lieben sollen wie wir selbst. Und am besten teilen die das auch allen anderen Menschen durch öffentliche Lobhudeleien mit.

Außerdem sind Rezensionen wichtig fürs Marketing, und damit auch für Ruhm und Ehre. Ein Buch mit vielen guten Rezensionen wirkt auf Käufer*innen vertrauenswürdiger, verheißungsvoller. Und man rechnet sich natürlich aus: Je mehr Rezensionen ein Buch hat, desto mehr Leute haben es gelesen, also kann es nicht ganz furchtbar sein.

Ein Ding vergessen Autor*innen aber leider oft: Rezensionen sind für uns wichtig, aber sie sind nicht für uns geschrieben. In Rezensionen teilen Lesende anderen Lesenden mit, wie sie ein Buch fanden, was gut oder nicht so gut war, was ihnen aufgefallen ist. Wenn man eine Rezension schreibt, tut man am besten so, als sei die Person, die das Buch geschrieben hat, tot. Dann muss man sich mit ihren Gefühlen nicht mehr auseinandersetzen und kann sich auf das konzentrieren, was wichtig ist: Das Buch.

Was man als Autor*in NICHT machen sollte: Sich öffentlich über „schlechte“ Rezensionen auslassen. Über sie schimpfen, sie analysieren, möglicherweise gar die eigenen Fans dazu aufrufen, sie sollten die entsprechende Rezension auf den Plattformen „downvoten“. Großes No-No.

Denkt immer daran: Ihr seid nicht das Zielpublikum. Genau so wenig, wie ich das Zielpublikum für Liebesfilme bin. Deswegen habe ich keine öffentliche Meinung über Liebesfilme. (Spoiler: Ich mag sie nicht.)

Und denkt auch daran: Lesende schulden euch nichts. Sie DÜRFEN euer Buch blöd finden, oder langweilig, oder unlogisch. Nicht jedes Buch ist für jede Person gedacht. Ich finde manche Bücher auch richtig, richtig schlecht – solche in Genres, die ich selten lese, aber auch vielgelobte Bücher in „meinen“ Genres. Und das ist keine wertvollere Meinung, weil ich selbst schreibe. Zwar verkneife ich mir negative Rezensionen meist, damit nicht der Eindruck aufkommt, ich wolle „der Konkurrenz“ schaden, aber im stillen Kämmerlein schimpfe und fluche und lästere ich mit mir selbst schon ausgiebig. Und wenn andere Leute diese Bücher dann total toll finden, haben die nicht automatisch unrecht, denn Geschmack ist subjektiv.

Okay, und was macht man als Autor*in mit einer negativen Rezension?

Zuerst einmal überlegt man sich genau, ob man sie lesen will. Für manche Leute ist der beste Weg, Rezensionen generell zu vermeiden.

Und wenn man sie liest, kann man sie im Stillen auch richtig blöd finden. Jedoch sollte man sich auch die Details genau anschauen – hat die Person vielleicht mit dem einen oder anderen Punkt sogar Recht?

Nur öffentlich drüber aufregen sollte man sich nicht. Das wirkt, finde ich, immer ein wenig traurig. Als sei die Person eigentlich noch nicht bereit, ihr Buch in die große weite Welt zu entlassen. Also lieber Zähne zusammenbeißen. Und dann setzt man sich hin und schreibt das verdammt beste nächste Buch der Welt, um die Fans zu unterhalten und die Kritiker zu überzeugen. (Ob das klappt, wird man natürlich nie wissen, wenn man die Rezensionen nie liest, und auch damit befinden wir uns wieder in einem Teufelskreis. Die nächste Runde geht rückwärts!)

An dieser Stelle natürlich auch noch einmal ein herzliches Dankeschön an alle Leute, die meine Bücher wichtig genug fanden, um eine Rezension zu hinterlassen. Ihr seid großartig!

Dann mach ich mich mal unbeliebt

Immer wieder gibt es Beschwerden in der „Buch-Bubble“, dass deutsche Verlage (oder Verlage generell) ja einfach nur Einheitsbrei veröffentlichen würden. Als Verfasser*in origineller Werke habe man ja sowieso keine Chance. Alles, was bei (bevorzugt „großen“) Verlagen veröffentlicht werden wolle, müsse mit Liebesgeschichte, „starken Frauen“, Happy Ending, … ausgestattet sein.

Und ich schau mir die jüngsten Veröffentlichungen an und denke mir so: Joah, teilweise stimmt das schon. Ein Glück, dass wir das Selfpublishing haben.

Wenn ich dann allerdings gelegentlich ein Werk in Händen halte, bei dem die verfassende Person hoch und heilig verkündet, sie werde von Verlagen ja nur ignoriert, weil ihr Stoff so unglaublich originell und einzigartig und „non-mainstream“ sei, denke ich mir auch schon einmal: „Zum einen das, und zum anderen schreibst du einfach schlecht.“

Das klingt jetzt gemein. Und ich halte mich üblicherweise mit solchen Aussagen zurück, denn a) ich habe den Stil nicht gepachtet, nicht einmal stundenweise; b) Geschmäcker sind verschieden; c) alle schauen irgendwann auf ihre Erstlingswerke zurück und haben dieses nostalgisch aufgewärmte Cringe-Gefühl, weil sie sich inzwischen massiv weiterentwickelt haben. Ich auch. Wenn mir also ein Buch nicht gefällt, muss das nicht an meinem über alle Maßen exquisiten Geschmack oder einem absoluten Mangel an Talent bei der schreibenden Person liegen.

Oft ist es allerdings schon so, dass sich diese aufgrund ihrer Genialität abgelehnten Stoffe lesen wie der goldsternbewehrte Aufsatz in der vierten Klasse. Da kann die Idee noch so toll sein – wenn die schreibende Person die grundlegenden Regeln des Erzählens nicht einhält, landet sie doch flach auf der Nase.

Manche Geschichte strotzt nur so vor Logikfehlern, Haupt- oder Schachtelsätzen (die Mischung macht’s!), üppigen Adjektivgebinden, grammatischen Zeitfehlern, fehlender Motivation bei den Charakteren, komplettem Unverständnis der menschlichen Psyche. Ein gern herbeigezerrtes Beispiel sind die Bösen, die halt böse sind, weil: Sie sind böse, also bösigen sie böse kichern um ihr Bösigtum herum.

Während ich also durchaus der Meinung bin, dass originelle Stoffe es am Buchmarkt schwerer haben können – schließlich finden die schwieriger ihr Publikum, wie soll man sie bloß vermarkten??? – gilt außerdem: Je weniger „Mainstream“ deine Geschichte ist, desto grandioser muss sie geschrieben sein. Nicht nur (aber auch!) auf grammatischer und Rechtschreib-Ebene, sondern auch auf dem Gebiet des Stils.

Und versteh mich nicht falsch – wenn du schlechten Mainstream schreibst, werden die Entscheidermenschen in der Buchbranche dich immer noch ignorieren, denn auf jedes veröffentlichte Manuskript kommen ein paar tausend, die auf den Slushpiles des Vergessens liegenbleiben.

Was kannst du also machen?

Besser schreiben natürlich!

Ärgerlich ist an der Stelle natürlich, dass es wenig gutes Lehrmaterial für so schlecht greifbare Dinge wie „Stil“ gibt, aber behilf dir halt: Lies gute Bücher und analysiere, was sie gut macht. Lies schlechte Bücher und schau dir an, warum sie schlecht sind. Sammle gelungene Sätze und Absätze in einem speziellen Notizbuch. Spiel mit deinen eigenen Texten. Versuch dich am unzuverlässigen Erzähler, an Foreshadowing (dem Andeuten meist finsterer Wendungen), enthalte dem Publikum Informationen vor oder sag ihnen Dinge, die deine Charaktere noch nicht wissen. Experimentier mit Sprachrhythmus, bis der Text rund klingt. Und bleib dir dabei immer im Klaren, dass dein Text nicht perfekt werden wird – aber er wird besser sein, als er es jetzt ist, und irgendwann bist du so gut, dass all die fiesen Verlage und luschigen Lesenden und bösartigen Buchmenschen dich nicht mehr ignorieren KÖNNEN.

Sollen sie halt Kuchen essen!

Foto von shraga kopstein, gefunden auf Unsplash.

In meinem E-Mail-Postfach landet regelmäßig der Atlas-Obscura-Newsletter, und diesmal kam er mit einem interessanten Artikel über Nahrung in Fantasyromanen. Vielleicht ist dir das auch schon aufgefallen, wenn du regelmäßig Fantasy liest: Es wird erstaunlich oft gegessen, und einige Autor*innen geben sich richtig, richtig, echt viel Mühe mit den Speisen, die sie beschreiben. Dabei könnte man doch genau so gut mit der eigentlichen Geschichte weitermachen!

Alles also nur Platzverschwendung?

Mitnichten!

Essen ist allgegenwärtig, auch wenn es in vielen anderen Genres häufig vernachlässigt wird (wie der Toilettengang) – wenn nicht gerade etwas Aufregendes passiert, gibt es wenig Grund, das Sandwich des Inspektors zu erwähnen.

In einem Fantasy-Setting – je weiter von unserer eigenen Welt entfernt, desto besser – kann man mit Essen hingegen schnell eine Menge über die Gesellschaft, in der wir uns bewegen, sagen. Lebt die Gesellschaft vegetarisch? Gibt es Käse? Werden Obst und Gemüse importiert? Was ist die günstigste Proteinquelle? Gesellschaften, die auf Landwirtschaft basieren, haben wahrscheinlich mehr Backwaren auf dem Speisezettel, denn für Landwirtschaft muss man meist sesshaft sein und kriegt im Gegenteil größere Mengen Getreide, das man dann mithilfe großer unhandlicher Öfen weiterverarbeiten kann. Dann: Je weiter eine Gesellschaft technologisch vorangeschritten ist, desto komplexer werden die Zubereitungsmöglichkeiten. Ohne Kühlkette gibt es in der Wüste keinen frischen Lachs. Werden Insekten verspeist? Wie sieht die Tischkultur aus? Und was sind die teuersten und die günstigsten Lebensmittel? Wie macht man Dinge haltbar? Gibt es saisonale Unterschiede in der phantastischen Küche?

An dieser Stelle, denke ich, vergeuden viele Geschichten ihr Potenzial. Trotz elaboriertem World-Building kommt es schnell vor, dass alles ein Eintopf, eine Pastete oder ein Kuchen ist. Feierlichkeiten werden oft mit pseudomittelalterlichen Festtafeln beschrieben. Und man trinkt Wasser, Bier und Wein. Wieso hat bloß niemand in einer Welt voller Magie und Drachen den Zitronensprudel erfunden?

Wo will ich damit hin? Keine Ahnung. Meist befinde ich mich in der realen Welt, da kochen meine Figuren auch mehr oder weniger reale Dinge (und irgendwann gibt es Diandras phantastisches Kochbuch dazu!). Wenn ich mich allerdings in andere Gefilde begebe, möchte ich das Leben dort mit allen Sinnen erfahrbar machen. Das bedeutet manchmal eben auch, in einen merkwürdigen blauen Käfer zu beißen, ohne zu wissen, ob das jetzt ein Snack oder ein Scherz ist.

Hat dich das Essen in einem Buch oder einer Serie mal so richtig beeindruckt? Oder hast du mal ein ungewöhnlich abwegiges Mahl gelesen?

Thema verfehlt?

Dazu müsste ich erst einmal ein Thema haben!

Wobei, eigentlich habe ich das doch, oder?

Ich schreibe über Magie, Menschen und Monster in der realen Welt. Wer davon jetzt wer ist, ist natürlich nicht immer klar, sonst wäre es langweilig.

Aber das sind nur die Geschichten. Dämonen, Hexen, Bösterhasen, Killerclowns (not from outer space!), Teenager, Zombies, Gänse – darüber schreibe ich, aber eigentlich geht es um etwas anderes.

Denn eigentlich schreibe ich darüber, wie Figuren das Beste aus ihrer Situation machen. Wie sie zu ihren Entscheidungen stehen und ihre Fehler ausbügeln. Wie sie ihre Weltansicht auf den Prüfstand stellen und sich für das einsetzen, was ihnen wichtig ist. Manchmal lernen sie dabei sogar etwas dazu.

Und ich mag das nicht mit dem erhobenen Zeigefinger tun. Einige Autor*innen können das ganz wunderbar, manchmal sogar ohne Oberlehrerton. Ich wäre keine davon. Deswegen schreibe ich auch keine „Literatur“, sondern … Geschichten halt. Fantasy. (Manch wer rümpft die Nase.) Dinge über Dinge, die jemandem passieren, und was dann passiert. Gelegentlich mit Glitzer. Ich hab auch keine Antworten, oder Lösungen für das „happily ever after“. Aber meistens hab ich Hoffnung. Nicht für die Menschheit, aber für einzelne Menschen.

Klingt das kompliziert? Ist es eigentlich nicht. Oder vielleicht auch doch, deswegen muss ich wohl immer und immer und immer wieder darüber schreiben.

Das Gute daran: Niemand muss meine ethischen und moralischen Fragen annehmen. Niemand muss sich damit auseinandersetzen, wie ich die Welt sehe, oder wie ich sie mir wünsche. Es ist völlig legitim, eine spannende Geschichte über eine Hexe und ihre Katze (und den Typen, der neuerdings bei ihr wohnt) zu lesen, ohne daraus irgendwas zu lernen. Andererseits hoffe ich, dass ich mich still und heimlich so in die Köpfe meiner Leser*innen schleichen kann, und plötzlich sind wir alle Hexen.

(Man wird ja noch träumen dürfen.)

Schreiben und schreiben

Manchmal sieht Schreiben so aus, dass man wie eine Besessene in die Tastatur hämmert.

Manchmal sitzt man mit Notizkarten auf dem Sofa und verwandelt das Wohnzimmer in einen Papiersturm.

Und manchmal drückt man wie so eine Usselige auf dem Handy herum und sammelt Dinge. Zum Beispiel Inspiration oder optische Erinnerungshilfen.

Das habe ich gestern gemacht, den halben Sonntag lang. Ich möchte ja, dass du dir einigermaßen vorstellen kannst, was ich mir gedacht habe, als ich „Willkommen in Schattenfall“ geschrieben habe.

Und was hat die Frau sich jetzt gedacht?

Herbst.

Halloween.

Wald.

Kürbisse.

Gruselschauer.

Ach, schau am besten einfach selbst. Hier geht’s lang!

(Und immer dran denken, offizieller Erscheinungstermin ist Freitag, 25.08.2023.)

Es wird BonnTastisch!!!

Die lokale BVJA-Gruppe stellt regelmäßig ein bonntastisches Event auf die Beine, und dieses Mal bin ich auch dabei! Martin Welzel hat wunderbare Bilder gemalt, und verschiedene Autor*innen sich von diesen Bildern zu Geschichten inspirieren lassen. Dieses Gesamtkunstwerk stellen wir gemeinsam am 03.09.2023 ab 16:00 h im Kult41 in Bonn vor – natürlich mit Lesungen. Das Kult41 ist extrem gemütlich, zentral gelegen und eigentlich gut zu erreichen, du solltest also unbedingt kommen, wenn du kannst.

Und das ist nicht die einzige Lesung, bei der ich in nächster Zeit aufschlagen darf, aber dazu dann bei anderer Gelegenheit mehr. Gesammelt gibt es diese Nachrichten übrigens immer in meinem Newsletter, der eher selten und unregelmäßig kommt und dich garantiert nicht zuspammt. Melde dich also am besten direkt heute an!

Cozy Fantasy à la Diandra

(Enthält Spoiler für „Hexenhaut“ – wenn du das Buch lesen willst, tu das am besten vor dem Blogartikel. Ich warte.)

*

*

*

Alle wieder da? Hervorragend.

In 15 Tagen erscheint „Willkommen in Schattenfall“ – so ein richtiges, wollig-warmes, lustiges Cozy-Fantasy-Abenteuer. Stell dir vor, man hätte mir die vollkommene Macht über „Gilmore Girls“ gegeben. Das war wenigstens der Plan – und an den meisten Tagen denke ich, das hat so auch einigermaßen geklappt. Die Charaktere sind schrullig, die Probleme eher klein, es fließt kein Blut … doch, ich hab das gut gemacht.

Aber ich wär ja nicht ich, wenn alles so einfach wäre.

Fangen wir bei Thomas an.

Thomas ist nicht irgendein Thomas, sondern der aus „Hexenhaut“. Erinnerst du dich? Der dritte Band von „Magie hinter den sieben Bergen“. Thomas‘ Eltern trennen sich gerade, und beide haben so richtig Mist gebaut. Richtig echt viel fiesen Mist. Thomas‘ Vater hat Thomas‘ Mutter nämlich entführt und gezwungen, ihn zu heiraten. Und Thomas‘ Mutter Moire hat ihren Kindern nicht nur verheimlicht, dass sie halb Selkie sind, mit dem entsprechenden Potenzial für Magie, sondern sie hat ihren zukünftigen Ex auch beschuldigt, sich den Kindern unangemessen genähert zu haben. Deswegen treffen wir Moire und die Kinder überhaupt, die wohnen nämlich temporär bei Helenas Mutter auf dem Hexenhof.

Natürlich weiß Thomas, dass sein Vater weder ihn noch seine Schwester auf die Art angefasst hat. Und er ist zu dem Zeitpunkt mitten in der Pubertät. Und er hat die Selkiehaut gefunden, die sein Vater vor Moire versteckt. Dann kommt da seine eigene Magie zu, die er am Anfang natürlich gar nicht einordnen kann. Er ist also ein junger Mann ohne gutes Vorbild, ohne Ansprechpartner und mit einer Menge Wut im Bauch. Natürlich tut er da Dinge, die nicht so wirklich gut sind. Eigentlich sind sie sogar ausgesprochen scheiße.

Angesichts der Umstände lassen wir da aber mal fünf gerade sein, nicht wahr?

Auf jeden Fall ist genau der Thomas derjenige, der jetzt nach Schattenfall geht. Sein Leben ist nicht magisch besser geworden. Seine Mutter ist verschwunden, er hält seinen Vater immer noch für einen schlechten Menschen (völlig zurecht, merke ich an). Überhaupt hat er sein Leben bis jetzt nicht so recht auf die Reihe gekriegt. Und zuverlässige, positive Beziehungen zu anderen Menschen sind ihm eher fremd.

Um „Willkommen in Schattenfall“ zu lesen, braucht man diesen Hintergrund nicht zu kennen. Am Ende gibt es ein kleines Osterei, das man nur mit diesem Zusatzwissen versteht (meine absolute Lieblingsszene, die macht mich so glücklich!), aber das Buch funktioniert definitiv auch ohne weitere Lektüre.

Tja, und jetzt plane ich den zweiten Band und frage mich: Wie viel Familiendrama, dysfunktionale soziale Gruppen und Vernachlässigung kann ich in einer Cozy-Fantasy-Roman unterbringen, ehe die Leute mir nicht mehr glauben? Im zweiten Band befassen wir uns nämlich mit Rosalinda, und da liegt einiges im Argen …

Ah well, wir werden sehen. Ich mag es, Leuten mit mieser Vergangenheit ein schöneres Leben zu schreiben. Und vielleicht ist ja gar nicht alles so schlimm, wie ich gerade tue.

(Du kennst mich. Natürlich ist es das. Sonst wären ja nicht am Ende immer alle tot.)

(Ich schwöre, diesmal stirbt niemand!)

(Oder etwa doch?)