Eine typische Bahnhofsbegegnung

Eine fahl beleuchtete Unterführung. Auf dem Boden liegt Dreck, an der Wand sind Graffiti geschmiert.
Foto von Krisztian Matyas auf Unsplash

Ab und zu habe ich in der Innenstadt in Bahnhofsnähe zu tun. Muss ich eigentlich nicht weiter beschreiben, du warst schon einmal an einem deutschen Stadt-Bahnhof. Leute, Läden, Dreck, die Ecken riechen nach Pipi. Ist nicht schön und lässt sich leider nicht immer vermeiden.

Wie ich so durch die Unterführung ging, die unter den fünf Gleisen durchführt – Bonn ist nicht direkt eine Großstadt – hörte ich in der Nähe jemanden gröhlen: „Ausländer raus! Wählt die AfD! Nieder mit dem ***-Pack! Deutsche Kultur!“

Kurz darauf sah ich den Urheber dieser … Äußerung: Ein etwas ungepflegt wirkender Typ etwa Mitte 50, der gerade, laut schimpfend, die Bierdose in der Hand, gegen eine Absperrung in der Unterführung pinkelte. (Ich schwöre, das klingt nach Klischee, ist aber genau so passiert. Hat auch nur wenige Augenblicke gedauert, ich musste nicht einmal langsamer werden.)

Der Mann in meiner Wohnung sagt immer, ich werde eines Tages sterben, weil ich im falschen Moment den Mund aufmache. So auch an dem Abend. „Gehört zur deutschen Kultur, betrunken in die Öffentlichkeit zu pinkeln und Leuten auf den Sack zu gehen?“ Ich hab ja Stimmtraining, also musste ich gar nicht dicht rangehen, damit er (und die anderen Passant*innen) mich sehr gut verstehen.

Der Typ guckt sich um, sieht mich, verzieht das Gesicht. „Du hast mir gar nix zu sagen! Bist du überhaupt Deutsche?“

„Deutsch genug.“ Der muss ja nicht wissen, dass meine Mutter aus den Niederlanden eingewandert ist. Und ich seh definitif aus wie die rosigste Kartoffel der Welt.

Natürlich schimpft der Typ weiter. „Ich bin bestimmt viel deutscher wie du!“ Man erinnere sich daran, er steht da immer noch mit offener Hose. Wahrscheinlich hat er inzwischen nasse Füße.

Kinners, ich kann so nicht arbeiten. „Das heißt deutscher ALS.“

Und dann musste ich leider weiter, Termin und so. Bei einigen Umstehenden hab ich Amüsement wahrgenommen, der Typ mit der offenen Hose (und dem Benehmen wie eine offene Hose) hat wahrscheinlich nichts dazugelernt und der Mann in meiner Wohnung hat mich später einmal mehr ermahnt, mich nicht leichtfertig in Schwierigkeiten zu bringen.

Nix darf man.


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Ein Gedanke zu “Eine typische Bahnhofsbegegnung

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