Vorschlag für 2026: Lerne Smalltalk!

Das höre ich immer wieder von Leuten, mit denen ich mich unterhalte: „Ich hasse Smalltalk!“ Entweder er ist zu schwierig oder überflüssig oder man weiß einfach nie, worüber man reden soll, und sollten wir uns nicht alle grundsätzlich viel tiefsinner unterhalten?

Erstens: Ja, Smalltalk IST schwierig. Aber für überflüssig halte ich ihn nicht. Denn eigentlich geht es beim Smalltalk darum, eine Unterhaltung zu führen, die für keine der beteiligten Parteien unangenehm ist. Man verwendet ihn, um soziale Nähe und eine Verbindung herzustellen – oft in Vorbereitung auf größere, „wichtige“ Gespräche. Dazu gehört etwa die Frage nach der Anfahrt beim Vorstellungsgespräch.

Zweitens: Smalltalk kann man tatsächlich lernen. Natürlich kann man ganz klein beim Wetter anfangen, das ist gar nicht wild. Oder man überlegt sich eine ergebnisoffene Frage, deren Antwort keine große Konsequenz hat, um Leute in ein Gespräch einzubeziehen.

Natürlich ist beim Smalltalk die Antwort genau so wichtig wie die Eröffnung – auch die Antwort sollte niemanden verstimmen. Wenn jemand das Wetter kommentiert, ist die Antwort: „Ja, Regen ist kacke, aber nicht einmal im Gewitter würde ich mit so einem hässlichen Hut, wie Sie ihn tragen, auf die Straße gehen!“ … nicht besonders diplomatisch.

Smalltalk ist das Äquivalent zum Beschnuppern bei Hunden, da pinkelt man einander üblicherweise auch nicht direkt auf die Nase.

Für den Anfang kann man sich drei oder sieben unverfängliche Fragen zurechtlegen, auf die die meisten Personen eine Antwort parat haben könnten, etwa:

  • Was war Ihr absurdestes Erlebnis im Supermarkt?
  • Wenn Sie jetzt den Koffer packen und verreisen MÜSSTEN, wohin würde die Reise gehen?
  • Womit würden Sie in einer Notsituation einen sterilen Tupfer ersetzen? (Gestern erst so verwendet. Ich bin schamlos.)

Komplimente sind auch ein guter Einstieg. Als Faustregel: Am besten etwas kommentieren, bei dem man erkennt, dass die andere Person sich damit große Mühe gegeben hat (Outfit, Frisur, Balkondekoration, …) oder eine Errungenschaft (neues Buch, Besteigung des Mount Everest, perfektes Einparken in die kleinste Lücke der Welt).

Oder man geht, das ist für Fortgeschrittene, auf die aktuelle Situation ein – von mir aus mit Bemerkungen wie: „Beim Smalltalk stelle ich mich immer ungeschickt an und sage ewas total Peinliches. Geht es Ihnen auch so?“ Und von da aus improvisiert man eben. Übrigens bin ich wirklich ungeschickt und sage beim Smalltalk oft etwas Peinliches. Aber das ist nicht schlimm, damit nehme ich direkt die erste Hürde und mache den anderen das Gespräch einfacher. Und oft ergeben sich aus harmlsoen oder absurden Einstiegen die interessantesten Gespräche, wenn man sich am Gegenüber kalibriert hat.

Wie stehst du zu Smalltalk? Yay, nay, hey?


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3 Gedanken zu “Vorschlag für 2026: Lerne Smalltalk!

  1. Ich liebe ja Smalltalk der Marke: „Hallo“ oder „Hey“ und dann …. Stille. Das ist der Next-Level Shit, der absolute Endboss aller Konversationsbegeisterten Hobby-Germanisten. Ernsthaft. Du stehst oder sitzt da, dann liest du dieses Wort und ab da hörst du in deinem Kopf schon deine Hirnzellen schmelzen. Der darauf folgende Gedanke ist dann gerne mal der, ob das Küchenmesser scharf genug ist, um sich damit schnell und möglichst Schmerzlos die Pulsader aufzuschneiden, um dieser Hölle zu entkommen.

    Okay, ist vielleicht etwas drastisch ausgedrückt, mit einem Hauch von Theatralischer Dramatik gewürzt. Aber jetzt mal ernsthaft: Was will man darauf antworten? Ebenso Lebensbejahend und begeistert, in dem man all seine Lebensfreude in eine Antwort steckt, die denselben Passus besitzt?

    Als kommunikativer Kerl ist es mir ein ewig währendes Rätsel, wie jemand der, wie ich hoffen möchte, mehr als nur zwei Gehirnzellen aktiv betreibt, so wenig Mühe in etwas investiert, was Nähe hervorbringt, eventuell sogar Sympathie. Ganz zu schweigen vom Grund, warum diese Person überhaupt den Kontakt gesucht und aufgenommen hat.

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  2. Vielleicht stehen diese Leute sich selbst im Weg beim Smalltalk. Beim nächsten Mal einfach mit der Herleitung von „Hey“ als Grußformel antworten oder anfangen, über Stadttauben zu philosophieren. Irgendetwas gibt es bestimmt, was die anderen Leute beitragen können.

    (Ich brauche Fun Facts für solche Gelegenheiten. Ob Chamäleons ihren eigenen Ellbogen anlecken können?)

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  3. Ich bin mir ja unsicher, ob diese Sorte Mitmensch überhaupt in der Lage ist, ihre ganze restliche Lebensenergie dafür aufzuwenden, über derlei Dinge nachzudenken, wenn sie doch offenkundig bereits einen Großteil dieser Energie für ihr „Hallo“ aufgebraucht haben.
    Solch einen dieser ganz speziellen Spezies habe ich selbst erlebt. Er selbst, ER schrieb MIR. Eröffnete Foren-intern eine Konversation (eine Art PN) und schrieb dort dieses geistreiche Wort, dem er offenbar dieselbe informative Wortgewalt beimaß, wie bspw. einer Allumfassenden Enzyklopädie der Germanistik. Demzufolge bin ich Hirnloser Trottel nun in der misslichen Lage, die eigentliche Aussage inklusive Sinn aus diesem Wort selbstständig zu destillieren. Na ja, im nächsten Leben vielleicht.

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