Von Menschen, Macken und Moral

Manchmal stößt man beim Lesen auf Gold – eine Geschichte, die einen so mitreißt, dass die Figuren zu Freund*innen werden, die einem noch lange im Kopf herumschwirren. Man meint, sie richtig zu kennen, und freut sich auf ein Wiedersehen.

Wie man das als Autor*in erreicht?

Eigentlich ganz einfach – und gleichzeitig ziemlich tricky.

Die Figuren müssen so etwas wie echte Menschen (Außerirdische, Fabelwesen, … ) sein. Das bedeutet zum einen, dass sie sich wie echte Menschen benehmen. Sie agieren manchmal irrational, sie machen Fehler, treffen uninformierte Entscheidungen, müssen über ihren eigenen Schatten springen (und versagen dabei), irren sich, sind schlecht gelaunt oder ungeduldig, abgelenkt, … – was auch immer.

Zum anderen haben echte Menschen ihre Macken. Sie sprechen auf eine bestimmte Weise, ziehen beim Betreten der Wohnung die Schuhe aus (oder auch nicht), schlafen nur mit Hut oder essen gern Bananen-Mayonnaise-Sandwiches.

Und da wird es beim Schreiben manchmal schwierig. Denn es soll ja nicht jede Figur ein Abklatsch unserer eigenen Vorstellung von der Welt sein. Sonst wären die einander alle ziemlich ähnlich, das wäre eine langweilige Geschichte. „Das Buch über drei Leute, die sich in allem einig waren, und in dem nichts Aufregendes passiert“ – würdest du das kaufen? Wobei, was weiß ich über den Buchmarkt? Vielleicht also ja und schon.

Ein frischgebackener Elternteil in meinem Bekanntenkreis erklärte mir vor Jahren mal: „Meine Kinder werden nicht darauf gedrillt, Bitte und Danke zu sagen. Das machen nur Schwächlinge.“

Das kann man jetzt so machen – keine Sorge, den Kindern geht es gut und sie haben ein altersgerecht akzeptables Level an Höflichkeit erreicht – aber mir kommt das total strange vor. Wenn ich also so eine Figur wie den Elternteil schreibe, müsste ich mich intensiv mit deren Weltbild befassen: Warum gilt Höflichkeit als Zeichen von Schwäche? Wie interagiert sie mit ihrer Umwelt? Grüßt sie beim Bäcker? Drängelt sie sich vor, oder lässt sie Leuten an der Kasse den Vortritt? Schenkt sie nur sich selbst Kaffee ein oder auch anderen, und wer kriegt die erste volle Tasse? Wie geht sie mit Leuten um, die ihr gegenüber höflich sind, und was denkt sie von ihnen?

Ich vermute, so eine Person hat ein Alltagserleben, dass sich sehr von meinem unterscheidet. (Ich bin ein hinreißender Sonnenschein. Nicht lachen!)

Und wenn man dann so vor sich hin schreibt, muss man die ganze Zeit über daran denken, dass diese Person eben NICHT höflich grüßt, wenn sie wo ankommt.

Das mit dem Sprechen ist auch so ein Ding – spricht eine Figur einen Dialekt? Sagt sie öfter „ey“ oder „wallah“ oder „ähm“? Formuliert sie jede Aufforderung als Frage? Verschluckt sie manche Buchstaben? Das sollte sich in geschriebenem Dialog niederschlagen – auch, damit man die Figuren leichter auseinanderhalten kann beim Lesen. Natürlich darf man, ähm, das nicht übertreiben, ey, sonst sind nämlich alle konstant genervt, ey. Darüber hinaus spiegelt die Art, wie man spricht, das Umfeld wieder, in dem man aufgewachsen ist, und das, in dem man sich bewegt. Ein Wissenschaftler redet anders über den Klimawandel als eine Politikerin oder eine Fachperson für Kreislauf- und Abfallwirtschaft. Okay, „Fachperson für Kreislauf- und Abfallwirtschaft“ sagt im Alltag auch niemand – das sind „die von der Müllabfuhr“.

Worauf wollte ich hinaus? Ach ja. Lebendige Figuren müssen sich lebendig verhalten. Inklusive Moral und Macken.

Kennst du Geschichten, in denen das besonders gut gelungen ist?


Entdecke mehr von diandras geschichtenquelle

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Ein Gedanke zu “Von Menschen, Macken und Moral

  1. Tatsächlich finde ich die Figuren aus dem Harry Potter Universum sehr plastisch und mit Tiefe ausgestaltet (o.k. bei 7 Bänden kann man da auch einige einbauen). Aber sogar die Winnie Pooh Charaktere sind ausgesprochen lebendig und man findet sich recht gut in dem einen oder anderen wieder (ich erkenne viele meiner positivsten Eigenschaften *hust* z.B. in Rabbit – ich bin nämlich nur nach außen ein Sonnenschein, der freundlich auf der Straße grüßt, aber halt auch seeehr pingelig 😉😊😎)
    Das mit der Bezeichnung Fachpersonal für Kreislaufwirtschaft muss ich mir merken *gg* Als Mutter fällt mir diese Rolle im Haushalt ja sozusagen auch zu, weil die Kinder nur Theoretiker für Abfallwirtschaft sind, aber auf dem Weg zum Mistkübel meist gedanklich und körperlich verloren gehen, im Wald des Spielzeugs oder so – anders kann ich es mir nicht erklären 🙄

    Gefällt 1 Person

Los, gebt es mir!