Ich bin ja nicht nur Autorin und viel zuviel online, sondern ich übersetze auch medizinische Fachtexte. Da bin ich vor Jahren mehr so aus Versehen hineingeraten, aber mit der Zeit habe ich mir eine Menge gefährliches Halbwissen angeeignet.
Hieraus ergibt sich einer von vielen, vielen Pet Peeves: Leute, die sich eine komplett bizarre medizinische Geschichte ausdenken, um bei ihren Followers wenigstens Mitleid (und im schlimmsten Fall Geld) einzusammeln.
Diese Woche erst hatte ich wieder so jemanden in meinem Feed. Der Account hatte schon eine laaaaaaaaange Krankengeschichte mit Fotos und Kram, sah also nicht unbedingt fake aus. Die Details passten nicht alle 100 % zusammen, aber das lässt sich schnell damit erklären, dass da letzten Endes eine Laienperson schreibt.
Jetzt schrieb allerdings jemand anders in diesem Account, stellte sich mit Namen vor und erklärte, mit der Accountbetreiberperson habe es eine schlimme Wendung genommen. Die Person liege im Koma und sei für hirntot erklärt worden. Man müsse abwarten, ob sie jemals wieder aufwache, nächste Woche wisse man vielleicht mehr.
Das klingt hochdramatisch – und ist kompletter Bullshit. Wenn man sich so umguckt, gewinnt man zwar gelegentlich den Eindruck, dass einige Leute ohne Hirn ein langes und glückliches Leben führen können. Im medizinischen Kontext gibt es von „hirntot“ jedoch kein Zurück. Und kein einziger seriöser Arzt wird der Familie erzählen, dass man jetzt erst einmal abwarten müsse.
Warum man das tut? Klar, häufig für Likes und Unterstützung. Ich denke schon, dass Leute, die so etwas machen, ein ernstzunehmendes Problem haben und mit einem Fachmenschen reden sollten. Aber spätestens, wenn – was in diesem Fall meines Wissens nach (noch?) nicht passiert ist – dann um Spenden für Rollstuhl, Beerdigung oder Medikamente gebeten wird, ist die Absicht klar und nicht mehr gutgläubig wegzuerklären.
Und das Perfide – viele Leute haben nicht das Halbwissen, solche Dinge zu recherchieren. Oder die Zeit. Oder die Energie. Oder die schlechtgelaunte Griesgrämigkeit, die einen auf so etwas Zeit verschwenden lässt. Man glaubt ja immer erst einmal an das Gute im Menschen, auch wenn man diesen Menschen nur über SoMe und flüchtig kennt. Es ist nicht besonders optimismusfördernd, allen immer direkt etwas Böses zu unterstellen. Aber ich bin schon ein großer Fan davon, Geschichten kritisch zu lesen, wenn sie stetig abwegiger werden.
Und mit diesem Rant begebe ich mich jetzt auf mein fußlahmes Einhorn. Demnächst geht es hier auch wieder ums Schreiben und um Dinge, die mich tatsächlich etwas angehen. Für den Moment musst du damit leben, dass ich grummelig bin.
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