Hätte ich mir doch nur gemerkt, was ich geschrieben habe!!!

Dann müsste ich in „Zuflucht in Schattenfall“ jetzt nicht andauernd Kommentare an den Rand schreiben, dass ich Beschreibungen, Namen etc. mit Band 1 abgleichen muss. Zum Glück weiß ich, dass das auch anderen Schreibenden so geht. Man braucht eine Weile, bis man in einer selbstgeschaffenen Fantasiewelt fest im Sattel sitzt. Und weiß, wie dieser Sattel aussieht, oder wie das Pferd heißt, auf dem er liegt … und ob das überhaupt ein Pferd ist.

Das war ja bei „Magie hinter den sieben Bergen“ so ein bisschen ein Vorteil – wenigstens die Schauplätze sind real, die musste ich mir nicht ausdenken und merken. Und ab Band 3, meine ich, waren auch die anderen Details in meinem Kopf verankert. Es lohnt sich also nicht, Serien zu schreiben, die weniger als drei Bände haben. Zum Glück ist „Schattenfall“ auf vier Bände ausgelegt, da lohnt sich das wenigstens. (Dieser Satz kann eine Spur Sarkasmus enthalten.)

Ich vermute ja, dass deswegen manche Autor*innen so endlose Serien mit wechselnden Charakteren in derselben Welt schreiben – wenn man sich endlich an Dinge erinnert, will man sie ja auch verwenden!

Irgendwann finde ich eine Geschichte, in der sich ständig ändernde Umgebungen, Haut- und Augenfarben als Bonus und nicht als Hindernis erweisen, dann hab ich gewonnen.

Wie kann das eigentlich sein, dass Leser*innen sich immer direkt an so einen Kleinkram erinnern, und für mich als Autorin ist es so eine Arbeit? Ich prangere das an! ^^

Sollen sie halt Kuchen essen!

Foto von shraga kopstein, gefunden auf Unsplash.

In meinem E-Mail-Postfach landet regelmäßig der Atlas-Obscura-Newsletter, und diesmal kam er mit einem interessanten Artikel über Nahrung in Fantasyromanen. Vielleicht ist dir das auch schon aufgefallen, wenn du regelmäßig Fantasy liest: Es wird erstaunlich oft gegessen, und einige Autor*innen geben sich richtig, richtig, echt viel Mühe mit den Speisen, die sie beschreiben. Dabei könnte man doch genau so gut mit der eigentlichen Geschichte weitermachen!

Alles also nur Platzverschwendung?

Mitnichten!

Essen ist allgegenwärtig, auch wenn es in vielen anderen Genres häufig vernachlässigt wird (wie der Toilettengang) – wenn nicht gerade etwas Aufregendes passiert, gibt es wenig Grund, das Sandwich des Inspektors zu erwähnen.

In einem Fantasy-Setting – je weiter von unserer eigenen Welt entfernt, desto besser – kann man mit Essen hingegen schnell eine Menge über die Gesellschaft, in der wir uns bewegen, sagen. Lebt die Gesellschaft vegetarisch? Gibt es Käse? Werden Obst und Gemüse importiert? Was ist die günstigste Proteinquelle? Gesellschaften, die auf Landwirtschaft basieren, haben wahrscheinlich mehr Backwaren auf dem Speisezettel, denn für Landwirtschaft muss man meist sesshaft sein und kriegt im Gegenteil größere Mengen Getreide, das man dann mithilfe großer unhandlicher Öfen weiterverarbeiten kann. Dann: Je weiter eine Gesellschaft technologisch vorangeschritten ist, desto komplexer werden die Zubereitungsmöglichkeiten. Ohne Kühlkette gibt es in der Wüste keinen frischen Lachs. Werden Insekten verspeist? Wie sieht die Tischkultur aus? Und was sind die teuersten und die günstigsten Lebensmittel? Wie macht man Dinge haltbar? Gibt es saisonale Unterschiede in der phantastischen Küche?

An dieser Stelle, denke ich, vergeuden viele Geschichten ihr Potenzial. Trotz elaboriertem World-Building kommt es schnell vor, dass alles ein Eintopf, eine Pastete oder ein Kuchen ist. Feierlichkeiten werden oft mit pseudomittelalterlichen Festtafeln beschrieben. Und man trinkt Wasser, Bier und Wein. Wieso hat bloß niemand in einer Welt voller Magie und Drachen den Zitronensprudel erfunden?

Wo will ich damit hin? Keine Ahnung. Meist befinde ich mich in der realen Welt, da kochen meine Figuren auch mehr oder weniger reale Dinge (und irgendwann gibt es Diandras phantastisches Kochbuch dazu!). Wenn ich mich allerdings in andere Gefilde begebe, möchte ich das Leben dort mit allen Sinnen erfahrbar machen. Das bedeutet manchmal eben auch, in einen merkwürdigen blauen Käfer zu beißen, ohne zu wissen, ob das jetzt ein Snack oder ein Scherz ist.

Hat dich das Essen in einem Buch oder einer Serie mal so richtig beeindruckt? Oder hast du mal ein ungewöhnlich abwegiges Mahl gelesen?

Auch imaginäre Freunde können streiten – fantastische Konflikte

Ja, Worldbuilding ist schwierig. Man muss sich alles ausdenken, und alles muss zueinander passen. Wie funktioniert öffentlicher Nahverkehr in einer Welt, in der Menschen auf Bäumen leben, weil der Boden mit säureproduzierenden Schlingpflanzen bedeckt ist und Riesenvögel jeden fressen, der den Kopf aus dem Blätterdach streckt? Was für Toiletten benutzen Meerleute? Passen meine Schimpfwörter zum Erleben meiner Charaktere?

Und es ist damit noch nicht getan. Denn auch imaginäre Welten sind nicht homogen. Es sei denn, natürlich, jeder Charakter lebt auf seinem eigenen kleinen Planeten wie in „Der kleine Prinz“. Wahrscheinlich gibt es unterschiedliche Charaktere mit unterschiedlichem Wissen, unterschiedlichen politischen Ansichten und sogar unterschiedlichen Religionen.

Gut, man muss nicht alles bis ins kleinste Detail ausarbeiten. Aber Konflikt ist der Treibstoff für die meisten guten Geschichten. Und wenn wir uns nicht einmal in der eigenen Familie auf das Salatdressing oder die Feierabendserie einigen können, wie kann es dann sein, dass in einer fantastischen Welt alle einer einzigen Religion anhängen oder alle den Herrscher gleichermaßen gut (oder böse) finden? Wäre es nicht viel realistischer – ja, der Begriff eignet sich auch für Fantasy – wenn beim Abendessen darüber diskutiert wird, dass der dreiköpfige Großfußkaiser nicht nur schlecht ist? Ich meine, er frisst zwar jede Woche drei weißhaarige Jungfrauen, aber immerhin hat er für kostenlosen Hyperloop-Transport gesorgt und das Schulwesen revolutioniert! Und einen schönen Bonus gibt es auch: Gewissenskonflikte.

Die Protagonistin KÖNNTE den korrupten Politiker bloßstellen, der sein Gehalt durch Sklavenhandel mit Praktikanten aufbessert, die dann in den Glühwurmmienen schuften müssen – aber ihr Bruder, dessen rechte Hand, wäre dann arbeitslos und könnte ebenfalls in Schwierigkeiten geraten.

Die beiden Geschwister KÖNNTEN verraten, dass ihre Stiefmutter Schuhe aus Menschenhaut trägt, aber dann würe ihr Vater wieder Single und sehr traurig.

Diese beiden Priester hier haben sich zusammengetan, um die Welt vor dem Untergang zu retten, können sich aber nicht einigen, ob der heilige Kristall tatsächlich göttlich oder nur ein göttliches Symbol ist. Ein falsches Wort, schon reden sie nicht mehr miteinander und der eine reitet in die Nacht hinaus, um sich zu betrinken. Soll doch der Symbolkasper die Welt alleine retten!

Machen wir es also ruhig etwas komplizierter.

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