Ich mag es nicht, wenn Leute erzählen, ihre Figuren hätten ein Eigenleben und kämen quasi fertig zu ihnen – das mag sich manchmal so anfühlen. Eigentlich offenbart so eine Aussage aber nur begrenztes Verständnis des eigenen Schreibprozesses.
Und weil mich das so ärgert, erzähle ich euch heute von der Sache mit Tina.
Wer „Willkommen in Schattenfall“ gelesen hat, kennt und liebt Tina wahrscheinlich – eine kleine blonde Schrottplatzbesitzerin mit schnoddrigem Mundwerk und wenig Geduld. Ich behaupte mal ganz dreist, im endgültigen Buch wirkt sie, als hätte sie genau so an genau diese Stelle gehört und da eigentlich schon immer gelebt. Dabei hat gerade Tina eine komplizierte Entstehungsgeschichte.
Beispielsweise wusste ich früh, dass ich eine Schrottplatzbesitzerin mit Dobermann habe. Aber wie sie redet oder aussieht, was ihre Hintergrundgeschichte ist – das pingte so vor sich hin und änderte sich andauernd. Ich konnte sie einfach nicht fassen. Aber das liegt nicht daran, dass sie keinen Bock gehabt hätte, mit mir zu reden. Nee, ich hatte mir einfach nicht ausreichend Gedanken darüber gemacht, wer unter diesen Umständen einen Schrottplatz in Schattenfall führen würde. Am deutlichsten wurde das an der Haarfarbe, die änderte sich in den ersten drei Entwürfen andauernd. Auch meine Testleser*innen wurden mit Tina nicht warm. Es war ziemlich deutlich, dass sie ein Stand-In war – ein Pappaufsteller mit der Aufschrift: „Hier könnten Sie einen voll entwickelten Charakter sehen!“
Jetzt taucht Tina nur am Rand auf. Das, was sie für die Geschichte tut (dafür sorgen, dass Holger Thomas nicht direkt wieder aus Schattenfall vertreibt) hätte eine beliebige Menge anderer Charaktere auch tun können. Jedoch hat es mich geärgert, dass ich keine bessere Tina auftreiben konnte. Bis mein Unterbewusstsein, das erstaunlich fleißig an Schreibproblemen herumkaut, ehe ich auch nur ahne, dass ich ein Schreibproblem habe, die Lösung ausspuckte:
Tina ist eine Walküre.
Logisch!
Auf einmal hatte ich ihre Haarfarbe, ihre Sprechweise, eine Erklärung für ihre ungeduldige Art. Einfach alles passte zusammen.
Einmal mehr: Tina ist kein ätherisches Wesen, das in der Phantasiewelt darauf gewartet hat, dass ich sie hervorlocke. Tina ist definitiv ein Produkt meiner eigenen kleinen verdrehten Phantasie. Aber erst, als ich genügend Informationen über ihren Hintergrund hatte, konnte sie in der Geschichte richtig Raum einnehmen.
Dass dabei Thomas‘ Fuß unter ihrem Hammer gelandet ist, war ein unbeabsichtigter Nebeneffekt.
Aber irgendwas ist ja immer.