Blick über die Schulter, Tag 2 – Plotten unter Zeitdruck

(Hier ist jetzt der komplette Beitrag, mit allen Informationen und Bildern.)

Ohne Plot ist alles nichts, und für mich besonders. Und wenn ich beim Plotten Abkürzungen nehme, beißt mich das anschließend immer in den Arsch. Was also, wenn ich nur wirklich, wirklich wenig Zeit zum Plotten habe? Was mache ich damit?

Zuerst schreibe ich alles auf, was ich über die Geschichte bereits weiß – die Charaktere, die grobe Handlung, die Hintergründe. Vor allem das „Warum???“ ist wichtig, denn „böse“ Charaktere, die etwas nur tun, um böse zu sein, sind mir zu einfach. Deswegen lohnt es sich für mich, zuerst einen Blick darauf zu werfen, was der*die Antagonist*innen tun (wollen), und wieso. Dazu gehören auch die Schwachstellen ihres Plans und ihre wunden Punkte. (Bei einer Mumie ist das einfacher als bei einem Wirtschaftsboss, das mal am Rand.)

Dann überlege ich mir, wie mein*e Protagonist*innen merken, dass etwas nicht stimmt – und was sie dagegen tun können/wollen. An der Stelle kommt ihre charakterliche Motivation ins Spiel, hier muss ich sie also schon kennen.

Von da aus kann ich chronologisch planen, was passiert – was sie tun, was fehlschlägt, wem sie begegnen. Gleichzeitig behalte ich natürlich im Hinterkopf, was die Antagonist*innen tun: Merken sie, was die Protas tun? Unternehmen sie Gegenmaßnahmen? Ändern sich hierdurch ihre Pläne?

Das ist der Punkt, an dem ich mit Ideen spiele, Szenen und Möglichkeiten auf Karteikarten schreibe, wenn ich nicht weiterkomme, und alles so lange verwerfe und hin- und herschiebe, bis der Ablauf mir gefällt und Sinn ergibt. Jetzt sollte ich auch in etwa wissen, wie viele Kapitel ich habe und wie lang die folglich ungefähr sein müssen, um das Wortziel zu erreichen.

Wenn also mein Plan so aussieht:

CHAR1 ENTDECKT BÖSEN PLOT.

CHAR1 KONFRONTIERT ANTA1.

ANTA1 ÜBERLEGT ES SICH ANDERS, ENTSCHULDIGT SICH.

ALLE RÄUMEN GEMEINSAM AUF UND SINGEN DABEI EIN LUSTIGES LIED.

… dann habe ich noch keinen besonders guten Plot.

Bei „In der Höhle des Bösterhasen“ habe ich übrigens erst, als ich meinen Plot fertiggeschrieben hatte, gemerkt, dass da noch ein richtiges Ende fehlte. Die Lösung war nämlich noch gar keine richtige Lösung, ich konnte die Charaktere noch tiefer in Schwierigkeiten bringen, und außerdem fehlten mir etwa 4.000 Wörter. Das sind alles gute Indizien, beim Planen war mir das aber gar nicht aufgefallen. Mit anderen Worten: Dieser Turboplot, den ich als erstes schreibe, ist definitiv noch nicht fertig, aber er zeigt mir ungefähr, wohin ich muss.

Vielleicht zeige ich ganz am Ende, einen Monat nach der Veröffentlichung oder so, mal die verschiedenen Materialien in ihren unterschiedlichen Stadien, damit ihr sehen könnt, wie sich das konkret entwickelt hat. Aber das enthält dann natürlich Spoiler.

Und wie sieht so eine Plotting-Session aus?

Auf einem Gitter-Balkontisch steht links eine Bienentränke (Wasser und Murmeln in einem Untersetzer), daneben ein Stapel Karteikarten mit einem gelben Kugelschreiber, kalter Früchtetee in einem Glas mit Deckel und Strohhalm, daneben eine Schale mit Ostersüßigkeiten. Im Hintergrund ein Balkonkasten mit Erde.
Wenigstens an einem freien Tag plotte ich so. Plotting De Luxe sozusagen.

Alle Szenen und wichtigen Ideen kommen auf Karteikarten. So habe ich immer die Möglichkeiten, neue Karten dazwischen zu stecken, um Lücken zu füllen – und das so lange, bis ich das Gefühl habe, die Geschichte ist rund. (Dabei kann ich mich irren, siehe oben.)

Später werde ich mir alles am Computer an einer Stelle organisieren, auf die ich überall zugreifen kann – das klingt so hochtrabend, meistens lege ich mir alles in einen E-Mail-Entwurf – und dann fange ich an zu schreiben. In diesen E-Mail-Entwurf kommen auch die Charakterskizzen (die für einen Heftroman jetzt nicht sooo ausgefeilt sein müssen) und Hintergrundinformationen und Layout-Skizzen als Foto-Upload. Das ist nützlich, weil ich so mal von zuhause und mal in einer stillen Minute auf der Arbeit schreiben kann und immer alles auf dem neuesten Stand habe.

Übrigens nutze ich für das Schreiben aktuell nicht Scrivener oder ein anderes aufregendes Tool, sondern schreibe schlicht in Word, wie so ein wildes Tier.

Einige beschriftete Karteikarten, aufgefächert, von einem Kindle verdeckt, darauf der gelbe Kugelschreiber von vorhin. Im Hintergrund Chaos, denn die Karten liegen auf einem Glastisch.
Die Ausbeute

Zu dem Zeitpunkt, zu dem ich hier alles aufrolle, bin ich übrigens nicht so weit gekommen, wie ich wollte, denn ich fahre gleich mit einer Freundin und deren Katze notfallmäßig zum Tierarzt. Ihr wisst, wie das ist … das Leben kommt immer dazwischen. Aber ich kann später fertigplotten, und natürlich kommen die Karten mit ins Auto, denn mit rein darf ich in der aktuellen Situation wahrscheinlich sowieso nicht.

Schreibende Verrückte sind eben allzeit bereit. ^^

Blick über die Schulter, Tag 1

Vielleicht habt ihr es mitbekommen, ich schreibe im Moment unheimliche Heftromane. Das ist eine besondere Form der Prokrastination, weil mein Kinderbuch sich bockig stellt – ist wohl in dem Alter, da machen die das alle. Auf jeden Fall habe ich die ersten beiden Heftromane bereits veröffentlicht – guckt ihr hier und hier – und kriege eine ungefähre Idee davon, was das bedeutet. (Bitte einmal lachen!)

Damit ihr vielleicht auch eine ungefähre Idee davon kriegen könnt, was das bedeutet, möchte ich diesen Monat meinen Arbeitsprozess bei der Arbeit an Band 3 mit euch teilen. Er ist nicht besonders glamourös oder aufregend, möglicherweise allerdings erhellend und motivierend.

Wie definiere ich für diese Gelegenheit den „Heftroman“?

  • Erscheint monatlich
  • Länge: 20.000 – 22.000 Wörter
  • Eher simple Geschichtenstruktur: Gut gegen Böse, Aussicht aufs Happy End, die Protagonisten sollten höheres Identifikationspotenzial haben
  • Kurze Kapitel, voraussichtlich 10 – 15
  • Lokaler und jahreszeitlicher Bezug (optional, aber ich mag die Idee für meine Geschichten)
  • Cover mit verbindenden Elementen

Im Wesentlichen sind Heftromane also längere Kurzgeschichten mit Kapitel-Unterteilung. Das sollte nicht so schwierig sein, oder?

Das Ding mit den Covern habe ich direkt aus dem Weg geräumt, die macht Giusy von Magical Cover für mich. Sie hat den einheitlichen Rahmen entworfen, wir haben uns auf einen Stil geeinigt und bei den letzten beiden Covern konnte ich ihr einfach ein paar Elemente nennen, die in der Geschichte vorkommen, mit denen sie dann das Bild entworfen hat. Sie versteht es hervorragend, mein Gesabbel in wunderschöne Bilder umzusetzen, und ich bin sehr verliebt. Zum Glück ist sie auch sehr spontan, und wir hoffen, dass wir den Zeitplan gemeinsam durchziehen können. (Es wäre ja so nett von mir, wenn ich ein wenig vorarbeiten würde! Oder planen!)

Wenn ich jetzt also möchte, dass meine Leser*innen das nächste Buch Anfang Mai in Händen halten, muss ich das fertige Manuskript und Cover spätestens am 27.04. bei BOD hochladen, idealerweise eher. Mir bleiben also, heute inklusive, nicht ganz vier Wochen. Tsjakka.

Einen richtigen Zeitplan habe ich nicht, das hängt von zu vielen Faktoren ab – eigentlich arbeite ich wie eine Besessene, wann immer ich die Zeit und Energie dafür habe. Bis morgen Abend will ich den Plot festgezurrt haben, und am Ende der Feiertage möchte ich Giusy die Informationen schicken, die sie für das Cover braucht (inklusive ISBN/Barcode, was bedeutet, dass ich auch das BOD-Projekt anlegen muss). Außerdem werde ich ein wenig von der freien Zeit bestimmt schon zum Schreiben nutzen und euch über den Fortschritt auf dem Laufenden halten.

Ohne euch allzu groß zu spoilern, kann ich schon verraten, dass die nächste Geschichte auf dem in coronafreien Jahren Anfang Mai stattfindenden „Rhein in Flammen“-Volksfest stattfinden soll. Das ist ein Jahrmarkt mit abschließendem Feuerwerk. Ich kenne auch schon einen Teil der Charaktere und habe eine grobe Idee, was passieren soll. Außerdem werde ich Fotos von vergangenen „Rhein in Flammen“-Besuchen heraussuchen, um mich visuell zu orientieren.

Und jetzt habe ich auch schon einen Aufruf für euch – habt ihr lustige/aufregende/traurige/… Anekdoten, die auf Jahrmärkten spielen? Vielleicht baue ich die in der Atmosphäre ein, und ihr kriegt dann eine spezielle Erwähnung in der Danksagung. Inspiriert mich! <3

Grillenzirpen

Auf verwittertem Holz, ziemlich hell, sitzt ein brauner Grashüpfer - oder nennt man die Biester anders? Eine Grille? Was weiß ich. So ein Hopsertier halt.
Foto von Heiko Haller, gefunden auf Unsplash

Jaaaa, hier war wieder mal so richtig hart nichts los. Sorry dafür. Aber wie so oft, wenn das der Fall ist, sind im Hintergrund einige Dinge passiert.

Zum einen habe ich am Wochenende den zweiten Band von „Gruftgeflüster“ fertiggemacht und hochgeladen. Jetzt muss gewartet werden, und da bin ich doch so schlecht drin! Die Tage zeige ich euch das Cover, versprochen.

Außerdem ist der arme Altkater immer noch krank. Zwischen stündlichen winzigen Fütterungen mit Spezialkost und dem Aufwischen von Kotzepfützen zuzüglich der Sorge um den Flauschepo hatte ich den Kopf nicht so richtig frei. Könnt ihr euch vielleicht vorstellen. Immerhin ist er schon fast dreizehn Jahre alt, und mit dem Knubbel am Hals und den andauernden Magenbeschwerden befürchten wir natürlich das Schlimmste. Gerade jetzt im Moment ist er beim Tierarzt für eine Reihe von Tests, und ich kaue hier am Schreibtisch auf meinen Nägeln rum und versuche, gelassen und erwachsen zu wirken.

Und ich habe Tomaten gepflanzt. Unser Balkon ist ja recht klein und recht voll, aber zwei Balkonkästen sind freigeworden, und ich habe eine kleinbleibende, kastengeeignete Sorte gefunden, an der ich mich probieren will. Ich mag Tomaten direkt vom Strauch, und der Geruch der Pflanzen hält angeblich Mücken und Co fern.

Was gab’s noch? Ach ja, großes Regalerücken. Wir haben Möbel für vier verschiedene Zimmer bestellt und alle nacheinander aufgebaut. Was halt so eine Tetris-Situation ist, wenn man die Zimmer auch gleichzeitig bewohnt und vollmüllt. Am Samstag habe ich die letzten beiden Regale zusammengedengelt, und jetzt sieht es wieder einigermaßen schick aus. Bis auf mein Büro natürlich, mit dem vollgekotzten Teppich und all dem alten Kram, der auf den Sperrmüll wartet (unser Keller ist voll mit Weihnachtssachen). Übrigens weiß ich jetzt schon, dass wir in zwei Monaten den nächsten Schwung Regale bestellen werden – dann ist mein Büro nämlich mit Verschönerung dran. Das Gästebett muss halt noch warten, auch wenn der Metallrahmen an einer Schweißnaht schon gebrochen ist. So viele Gäste haben wir im Moment sowieso nicht, gell?

Tja, die große Aufregung in Coronazeiten. Mal schauen, ob wir es uns wenigstens über die Feiertage langweilig machen können. Ich habe da ja so meine Zweifel … ^^

Sinnvoll prokrastinieren für Fortgeschrittene

Egal, wie gerne ich schreibe – manchmal erwische ich mich dabei, das Schreiben unter irgendwelchen Vorwänden vor mir herzuschieben. „Prokrastinieren“ nennt man das. Kommt euch bekannt vor?

Das Gute vorab – wir sind damit nicht allein. Und gleich eine zweite gute Nachricht – es gibt verschiedene Methoden, damit umzugehen.

Neil Gaiman beispielsweise nimmt sich Phasen, in denen er nur schreiben oder „nicht-schreiben“ darf, aber nicht stattdessen lesen oder putzen oder im Netz surfen oder twittern oder … – entweder er schreibt, oder er sitzt dort, wo er schreibt.

Zugegeben, das könnte ich eine Weile durchhalten. Wobei, eher nicht, ich bin ein hibbeliger Mensch. Aber wenn ich mal wieder dringend prokrastinieren muss, habe ich meine eigenen Regeln dafür, die Zeit sinnvoll zu verplempern.

  1. Werbung machen – dazu gehört die Pflege meiner SoMe-Kanäle (Facebook, Twitter, Instagram, Patreon, Tumblr) genau wie das Vorbereiten von Material oder die Korrespondenz mit Blogger*innen etc. Eine wunderbare Methode, am Rechner zu sitzen und fleißig auszusehen und kein Stück mit der eigentlichen Geschichte voranzukommen.
  2. Netzwerke pflegen. Hier gehört natürlich das Nornennetz hin oder PAN, oder einfach der Kontakt mit befreundeten Schreibenden, das Vorbereiten von (aktuell meistens digitalen) Zusammenkünften. Sieht auch superproduktiv aus.
  3. Recherche. Das ist der berüchtigte Kaninchenbau, aus dem man nie wieder herausfindet. Natürlich Schreibehrenwort, dass die Recherche zur aktuellen Geschichte gehört. Natürlich muss ich die Geschichte der Klabauter-Erscheinungen der letzten fünftausend Jahre wissen, wenn in einem Halbsatz vielleicht mal von einem Klabauterspuk die Rede ist. Man will ja kompetent wirken.
  4. Längere Posts vorbereiten. Ja, zum Beispiel diesen hier. Oder die Beiträge für das heidnische Magazin, in dem ich ab und zu rante.^^ Oder ich stürze mich in diverse Nornennetz-Projekte wie den Kalender.

Kurz gesagt – wenn ich mich vor dem eigentlichen Schreiben drücke, muss ich etwas tun, was mein Autorinnenleben in irgendeiner Form ergänzt. Irgendwann wird mir das auch zu öde, und schon flutscht die Geschichte wieder.

Es gibt übrigens einen wichtigen Unterschied zwischen Prokrastinationsphasen und echten, dringend benötigten Pausen – so wie die, die ich jetzt als nächstes machen werde. Kaffee ruft!

Was sind eure liebsten Prokrastinationsstrategien?

Deutsche Geschichte, deutsche Geschichten

Auf dem Buchmarkt gibt es einige merkwürdige Eigenarten zu beobachten.

Beispielsweise geben viele Schreibende sich englisch klingende Pseudonyme. Ich bin nicht ganz sicher, was sie damit erreichen wollen, aber es ist nun einmal so.

Außerdem neigen Schreibende dazu, ihre Geschichten an Orten spielen zu lassen, die sie nicht kennen – sehr beliebt ist seit einiger Zeit die US-Uni oder Highschool. Leider merkt man schnell, wenn so ein Schauplatz unreflektiert ausgesucht wurde, denn obwohl wir konstant mit US-zentrischer Unterhaltung zugeballert werden, gibt es in der Kultur doch eklatante Unterschiede, die einem oft erst einmal gar nicht bewusst sind, bis man direkt mit ihnen konfrontiert wird. Deswegen mutet es oft putzig an, wenn so komplett urdeutsche Figuren in einer zufällig in die USA teleportierten coolen deutschen Kleinstadt agieren.

Und auch da die Frage – warum? Ist das cool? Soll das eine Weltbürgerlichkeit vortäuschen oder suggerieren, dieses Buch sei megaerfolgreich und aus dem US-Englischen übersetzt?

Ich finde es tatsächlich spannender, Geschichten zu lesen, die in Deutschland spielen und sich aus dem „Alles ist klein und grau und kacke“-Einheitsbrei abheben. Denn so gerne ich auch selbst reise, wenn möglich, finde ich die Orte direkt unter unserer Nase gleichzeitig sehr faszinierend. Und wenn ich für eine neue Geschichte recherchiere, hier vor Ort (ja, ich schreibe Phantastik, aber wenn ihr mir das Phantastische glauben sollt, muss das Alltägliche stimmen!), entdecke ich immer wieder neue Details und Ecken, die ich vorher nicht kannte. Demnächst stehen auch wieder einige Spaziergänge und Entdeckungstouren an …

(Mein Geläster bezieht sich übrigens natürlich nicht auf Menschen, die Geschichten an Orten spielen lassen, die sie tatsächlich selbst kennen. Ich erzähle ja immer wieder gern, dass unser Island-Urlaub anno dazumöme meine geplante Island-Geschichte getötet hat, weil alles so komplett anders war. Auch das kann passieren.)

Und um das ganze positiv gestimmt enden zu lassen – welche deutschen Autor*innen oder in Deutschland spielenden Geschichten haben euch so richtig begeistert?

Wie schnell kann/muss man schreiben?

Ich habe mich gerade über einen angeblichen Schreibratgeber geärgert. Ein US-amerikanischer Autor hat aufgelistet, wie viele Wörter er pro Tag schreibt, und sich gegen Ende indirekt darüber lustig gemacht, dass Leute, die länger als vielleicht 10 Tage für einen Roman brauchen, es als Autor*innen wohl nicht ernst meinen.

Im Ernst?

Bullshit.

Natürlich kann ich 500 Wörter in 10 Minuten schreiben. (In fragwürdiger Rechtschreibung. Aber wir bewerten nicht, wir zählen nur.)

Und natürlich könnte ich wahrscheinlich 10.000 Wörter an einem Tag schreiben.

Aber wären das gute Wörter?

Wäre das die bestmögliche Geschichte, die ich erzählen kann?

Und wer übernimmt all meine anderen Verpflichtungen, während ich diese 10.000 Wörter schreibe?

Vorab: Ich sage nicht, dass Leute, die schnell schreiben, automatisch schlechte Geschichten schreiben. Das keineswegs!

Jedoch sieht die Realität der meisten Schreibenden ein wenig anders aus.

Wir haben Leben. Zu meinem gehören neben dem Schreiben der Brotjob, der Haushalt und der Sport (und in anderen Jahren so etwas wie ein Sozialleben). Zum Schreiben bleibt mir an einem normalen Tag etwa eine Stunde.

Außerdem müssen wir manchmal über das zu Schreibende nachdenken. Oder es überarbeiten. Oder noch einmal ganz von vorn anfangen. Rein rechnerisch habe ich letztes Jahr unter anderem etwa 75.000 Wörter Kinderbuch geschrieben, unglücklicherweisewar das jedoch dreimal der Anfang des gleichen Buches, weil ich beim Schreiben neue Dinge über die Welt gelernt habe, die sich nicht durch einfaches Reparieren einfügen ließen. Normalerweise habe ich diese Schwierigkeiten nicht, aber es ist eine neue Welt UND ein neues Genre, das macht mich etwas schwerfälliger. Und das ist okay, schließlich lerne ich auch aus den nicht-veröffentlichten Dingen. Oder sagt ihr etwa: „Mensch, all diese Tonleitern, die die Cellistin zuhause privat geübt hat, das war mal wirklich Zeitverschwendung!“??

Für Autor*innen scheint die Erwartung zu sein, dass alles, was den Weg auf den Bildschirm resp. aufs Papier findet, auch veröffentlichbar ist. Und im Ernst, das ist doch Unsinn. Wer malt, stellt auch nicht jeden Farbklecks aus, den er*sie produziert.

Rein technisch ist es also durchaus möglich, einen Roman in zehn Tagen zu produzieren, und vielleicht mache ich das irgendwann dieses Jahr auch mal zum Vergnügen – mit Urlaub wird das wohl Essig, was meint ihr? – aber das ist eine Herausforderung für optimale Bedingungen und nicht die Grundlage von: „Wer langsamer schreibt, sitzt nur 15 Minuten pro Tag am Schreibtisch und meint es keineswegs ernst.“

Atmen und sich sammeln – aber bitte nicht zu oft!

Alle Schreibenden, die ich kenne, haben Lieblings-Körperfunktionen. Also Dinge, die sie ihre Charaktere immer, regelmäßig und deutlich im Text lesbar tun lassen. Atmen zum Beispiel. Es wäre überaus leichtsinnig, das Atmen einfach so abzustellen, aber dass ich es andauernd erwähne, geht mir schon selber auf den Zeiger (seufzte sie, hörbar ausatmend … denn sie atmete).

Was meine Charaktere sonst noch tun: Mit den Schultern zucken, oder auch mit den Achseln. Was doppelt ungünstig ist, denn ich bin mir nicht sicher, wie man das sprachlich richtig einsetzt. Ich mag es nur.

Andere Charaktere, denen ich begegnet bin, stemmen konstant die Hände in die Hüften oder stampfen immer auf wie Flamencotänzerinnen oder verschränken die Arme vor der Brust und bestimmt fallen mir gleich noch viel mehr Gesten auf, die so ein bisschen totgeritten sind.

Dabei ist Körpersprache eigentlich spannend. Und lästig, denn wir können sie nicht die ganze Zeit über zu einhundert Prozent kontrollieren. Deswegen fallen uns die Dinge auf, die wir kontrollieren können – wie bewusstes Atmen, Arme-Verschränken, Aufstampfen und so. Ich denke, ihr habt ein ungefähres Bild der Situation.

Wenn wir die Dinge beschreiben wollen, die Leuten nicht auffallen, die sie aber trotzdem verraten, müssen wir unsere Umgebung (und uns selbst) sehr genau beobachten. Wer knibbelt an seinen Nagelhäutchen? Was macht die beste Freundin, wenn sie sich über etwas ärgert? Wann ist Freundlichkeit nur vorgetäuscht und woran merkt man das?

Eine meiner nächsten großen Aufgaben, wenn es an die Überarbeitung geht, ist auf jeden Fall, die Leute nicht andauernd nur atmen zu lassen. Das wird ja langweilig.

Symbole in Geschichten

Geometrisches Muster in Flieder, Lachs und Dunkelrot, in der Mitte eine Türkise Fläche mit einer Neonleuchtschrift: "This must be the place".
Foto von Tim Mossholder, gefunden auf Unsplash

Wenn man überlegt, wie man seinen Geschichten gut Tiefe verleihen könne, stößt man in Ratgebern oder auch im Internet schnell auf einen bestimmten Tipp: Verwende Symbole.

Symbole sind Dinge, die etwas Bestimmtes anderes bedeuten. Schrift besteht aus Symbolen. Das Kreuz im Christentum (oder dieser eine Fisch) sind Symbole. Das Hakenkreuz ist ein Symbol.

Beim Schreiben sollte man vielleicht ein wenig subtiler vorgehen – keine Fische oder Halbmonde auf die Seiten drucken! (Wobei, warum eigentlich nicht … ? Na gut, Buchgestaltung ist ein anderes Thema.) Aber natürlich kann man in seine Geschichten bestimmte Symbole einbauen, die sich dem Leser beim genauen Hinlesen erschließen und der Geschichte zusätzliche Dimensionen verleihen.

Ich erinnere mich noch an meine Schulzeit (damals war alles schwarzweiß!), als wir im Englisch-Unterricht Kurzgeschichten schreiben sollten. Unser Lehrer hatte gewisse literarische Ideen und Ambitionen für uns, wir lasen und besprachen diverse Geschichten und analysierten sie auch, so gut Oberstufenschüler*innen das eben können. Und eine Freundin war sehr überfordert mit der Aufgabe, ihre eigene Geschichte zu schreiben – bis ihr im Unterricht gratuliert wurde dafür, wie schön sie den weißen Schnee als Symbol für Unschuld eingebaut habe. „Wow, ich hatte sogar ein Symbol!“

Jetzt ist es so, dass man als Autor*in eine gewisse Kontrolle über die eigenen Geschichten haben sollte. Man fällt idealerweise nicht zufällig von einem Handwerkstopf in den nächsten. Stattdessen überlegt man sich genau, was man wie sagen will, ob man etwas hier oder lieber erst da andeutet und wie subtil man charakterisieren kann, ohne den Leser komplett im Dunkeln tappen zu lassen.

Allerdings sollte man sich auch nicht der Angst vor der Literaturanalyse komplett ausliefern. Manchmal ist eine blaue Tür nur eine blaue Tür. Manchmal ist die Tür blau, weil das böse Hexen abhalten soll.

Und da kommen wir zu einem weiteren interessanten Punkt: Viele Symbole speisen sich aus der Kultur, in der wir aufgewachsen sind. Ist weiß die Farbe der Unschuld oder des Todes? Ist die Sonne gütig oder vernichtend? Geht von Wasser eine Bedrohung aus oder rettet es Leben? Sind Füchse schlau oder verschlagen? Woran erkennt man Hexen oder Dämonen?

Solcher Unsicherheiten wird man sich oft erst bewusst, wenn man Geschichten liest, die in anderen Kulturen spielen. Ist es wichtig, dass die Figuren in genau dieses Viertel in Tokio gehen? Wenn es heißt, die Hütte hat ein spitzes Dach, soll mir das etwas sagen? Einer guten Geschichte kann man oft auch folgen, ohne jedes Symbol und jede kulturelle Anspielung zu verstehen, aber der Genuss wächst mit dem Verständnis.

Wenn man eine Geschichte dann auch noch in einer phantastischen Welt spielen lässt, wird es noch ein wenig komplizierter. Denn Symbole entstehen aus der Kultur heraus, und wer sich eigene Religionen, Städte, Ständesysteme und Länder ausdenkt, kann dann natürlich nicht plötzlich Kirchtürme als Symbol für drohendes Unheil verwenden oder Weihnachtsbäume in die Häuser stellen. Für eine Seefahrergemeinde haben Möwen eine andere Bedeutung als für den Heiligen Kult der Autowäscher. Und ob eine schwarze Katze Pech bringt …

Und dann gibt es noch die Symbole, die nicht universell gelten, sondern für diese eine Geschichte oder diesen einen Charakter eine Bedeutung haben: Die Melodie des Schlaflieds, das die Großmutter immer gesungen hat, das Lieblingssandwich, das Schmuckstück der bösen Stiefmutter, ein bestimmter Edelstein, dieser unheimliche gelbe Vogel, …

Ihr seht, man kann sich viel den Kopf zerbrechen. Letztendlich sind Symbole aber nur das Sahnehäubchen. In erster Linie sollte man eine gute Geschichte schreiben.

Endgegner Klappentext

Seit mehr als zwei Jahren habe ich nichts Neues veröffentlicht.

Ist das überhaupt legal?

Darf man das als Selfpublisher_in?

Tja, verklagt mich doch. (Bitte, verklagt mich nicht. Gibt eh nix zu holen!)

Und während das magische Kinderbuch mich kräftig in den Poppes tritt – wer hätte gedacht, dass es so schwierig ist, über Puppen zu schreiben? – habe ich eine Sache ganz und gar nicht vermisst: Klappentexte.

Klappentexte sind, zusammen mit dem Exposé, der Endgegner für Schreibende. Und obwohl sie eigentlich komplett das Gegenteil voneinander sind, bereiten sie uns die gleiche Art Kopfzerbrechen. („Uns“ bezeichnet Schreibende generell – bis auf die wenigen Perversen, die sich gerne mit Klappentexten etc. befassen, denen sollte man nicht trauen.)

Ein Exposé zeigt alles. Auf wenigen Seiten soll die komplette Romanhandlung inklusive Ende verständlich dargestellt werden. Mit einem Exposé beweist man, dass man sein eigenes Buch verstanden hat. (Lacht nicht, mir sind bei den Puppen viele Dinge erst jetzt beim dritten Anlauf klargeworden.) Das Exposé ist eher schnörkellos und voller Informationen.

Ein Klappentext soll neugierig machen, darf also nicht zuviel verraten. Aber die wesentlichen Informationen sollen natürlich da sein: Erwartet mich etwas Lustiges? Spannendes? Romantisches? Blutrünstiges? Ein wenig wird der Klappentext dabei vom Cover unterstützt, aber die Worte leisten schon den Hauptteil der Arbeit. Sie zeigen nämlich auch schon, wenn man den Job gut gemacht hat, den Stil der Geschichte.

Immer wieder tauchen sogenannte „Erfolgsformeln“ für Klappentexte auf. Und mal unter uns: Die meisten davon erfüllen eben gerade das Minimum, damit man einen Klappentext als solchen erkennt. Einmal abgesehen davon, dass Lesende ja nicht kurzdenkig sind und solchen Tricks schnell auf die Schliche kommen. Wenn man also den eigenen Klappentext aus „Erfolg garantierenden“ Versatzstücken zusammenpuzzlet, tut man sich keinen großen Gefallen. Originalität ist gefragt – aber bitte auf maximal einer halben Normseite.

Und weil der Klappentext meistens darüber entscheiden hilft, ob jemand das Buch kauft oder nicht, bereitet er uns Schreibenden schlaflose (vielleicht gar hasenhirnige?) Nächte. Wir zeigen, fragen, zerpflücken, analysieren, bekritteln und tüfteln so lange, bis wir … nein, meistens nicht zufrieden sind, sondern uns um der lieben geistigen Gesundheit willen mit dem bestmöglichen Kompromiss zufriedengeben.

Eigentlich sollte man es ja anders herum machen: Erst schreiben wir den ultimativen Klappentext und dann den passenden Roman dazu. So schwer kann das ja nicht sein. (Hust. Abgang links.)

Buch- und altersübergreifende Beziehungen

Bei Kinderbüchern, habe ich gelernt, gibt es eine Faustregel: Das Alter der Hauptcharaktere sollte etwas höher sein als das der Zielgruppe – damit die Lesenden zu ihnen aufsehen können.

Jetzt, wo ich schon seit längerem an meinem Kinderbuch laboriere, bringt mich das in Schwierigkeiten. Ich weiß ungefähr, wie alt meine Protagonistin ist. Daraus ergib sich durch Subtraktion die Zielgruppe, wenigstens ungefähr. Aber in diesen Jahren entwickeln sich junge Menschen unglaublich schnell. Das, was meine Protagonistin sagt und tut, ist für das etwas jüngere Zielpublikum also eventuell gar nicht angemessen.

Dann denke ich an die Kinder-, Teenie-, Young-Adult- und New-Adult-Bücher, die ich in den letzten Jahren gelesen habe. Wenn es dort eine gefühlte Diskrepanz zwischen dem Alter und dem Verhalten gab, hat mich das gestört. Kinder und Jugendliche sind schließlich nicht einfach nur naivere Versionen von Erwachsenen, sondern komplette Menschen mit Ideen und Theorien und Erfahrungen und Beobachtungsgabe. Im echten Leben überraschen sie mich eher damit, wie klug sie sind und was für Rückschlüsse sie aus dem ziehen, was sie um sich herum beobachten.

Der eingangs genannten Faustregel zufolge bin ich aber ja gar nicht die Zielgruppe für diese Bücher (und das schon seit etlichen Jahren nicht mehr!). Wieviel zählt meine eigene Einschätzung also? Wie wahrscheinlich ist es, dass sowohl Zielgruppen-Mitglieder als auch erwachsene Lesende wie ich sich einem Charakter gleichermaßen verbunden fühlen können?

Ich persönlich mag es bei dieser Art von Büchern, wenn das Entdecken und Dazulernen noch einmal mit-erlebbar wird, wenn man daran erinnert wird, wie es ist, wenn man eben noch nicht (wenigstens gefühlt) alles gesehen hat. Jungen Charakteren verzeiht man auch eher, wenn sie nicht immer kaltschnäuzig und kalkulierend vorgehen, die Welt hat sie noch nicht abgehärtet.

Zugegeben, manchmal denke ich aus meiner Erwachsenenwarte auch: Meine Güte, was für eine vorwitzige Rotznase! Du gingest mir ja so sehr auf den Zeiger, wenn ich mit dir auskommen müsste! Gleichzeitig bin ich mir fast immer sicher, dass mein früheres, jüngeres Lese-Ich mit genau diesen Charakteren gerne befreundet gewesen wäre, und das versöhnt mich dann wieder ein bisschen.

Wie ist das bei euch? Lest ihr überhaupt noch Kinderbücher? Oder habt ihr alte Lieblinge, von denen ihr euch nicht trennen könnt? Überhaupt, haut ruhig mal ein paar Empfehlungen raus. ^^