Hätte ich mir doch nur gemerkt, was ich geschrieben habe!!!

Dann müsste ich in „Zuflucht in Schattenfall“ jetzt nicht andauernd Kommentare an den Rand schreiben, dass ich Beschreibungen, Namen etc. mit Band 1 abgleichen muss. Zum Glück weiß ich, dass das auch anderen Schreibenden so geht. Man braucht eine Weile, bis man in einer selbstgeschaffenen Fantasiewelt fest im Sattel sitzt. Und weiß, wie dieser Sattel aussieht, oder wie das Pferd heißt, auf dem er liegt … und ob das überhaupt ein Pferd ist.

Das war ja bei „Magie hinter den sieben Bergen“ so ein bisschen ein Vorteil – wenigstens die Schauplätze sind real, die musste ich mir nicht ausdenken und merken. Und ab Band 3, meine ich, waren auch die anderen Details in meinem Kopf verankert. Es lohnt sich also nicht, Serien zu schreiben, die weniger als drei Bände haben. Zum Glück ist „Schattenfall“ auf vier Bände ausgelegt, da lohnt sich das wenigstens. (Dieser Satz kann eine Spur Sarkasmus enthalten.)

Ich vermute ja, dass deswegen manche Autor*innen so endlose Serien mit wechselnden Charakteren in derselben Welt schreiben – wenn man sich endlich an Dinge erinnert, will man sie ja auch verwenden!

Irgendwann finde ich eine Geschichte, in der sich ständig ändernde Umgebungen, Haut- und Augenfarben als Bonus und nicht als Hindernis erweisen, dann hab ich gewonnen.

Wie kann das eigentlich sein, dass Leser*innen sich immer direkt an so einen Kleinkram erinnern, und für mich als Autorin ist es so eine Arbeit? Ich prangere das an! ^^

Schreibsprünge

Schreiben ist für viele von uns ja etwas, das wir täglich tun – oder worüber wir wenigstens täglich nachdenken. Das bedeutet, dass Fortschritte kaum auffallen. Die kriechen irgendwie zwischen die Zeilen. Irgendwann nimmt man dann etwas in die Hand, was man vor fünf Jahren geschrieben hat, und merkt: Oh, das würde ich heute besser machen.

Es gibt aber auch den anderen Fall: Plötzlich merkt man, dass man sich auf eine andere Art ausdrücken kann (oder will), die sich anders anfühlt als das, was man bisher geschrieben hat. Man hat einen Erzählmechanismus verstanden, der einem bis jetzt nicht klar war. Man fühlt sich mit einer Schreibtechnik wohler, die den Text lebendiger macht. Man entwickelt Vertrauen in das Verständnis der Leser und erschreibt sich einen neuen Minimalismus.

Ich glaube, ich bin gerade an so einem zweiten Punkt. Und da kommt die innere Kritikerin wieder ins Spiel. Die behauptet nämlich, das sei keine Weiterentwicklung, sondern nur eine prätentiöse Macke. Tragischerweise werde ich erst in ein paar Monaten bis Jahren sagen können, ob meine aktuellen Texte tatsächlich besser, einfach anders oder nur künstlerisch aufgeblasen sind. Zum Glück habe ich wenigstens in der Hinsicht meinen Frieden mit der inneren Kritikerin gemacht. Sie will ja auch nur das Beste für meine Texte. Ärgerlich, dass wir uns so selten einig sind.

Hast du schon solche Schreibsprünge erlebt – oder Sprünge in deinem Können, was andere Fähigkeiten angeht? Ich kenn das ja sonst nur vom Kochen. ^^

Von Menschen, Macken und Moral

Manchmal stößt man beim Lesen auf Gold – eine Geschichte, die einen so mitreißt, dass die Figuren zu Freund*innen werden, die einem noch lange im Kopf herumschwirren. Man meint, sie richtig zu kennen, und freut sich auf ein Wiedersehen.

Wie man das als Autor*in erreicht?

Eigentlich ganz einfach – und gleichzeitig ziemlich tricky.

Die Figuren müssen so etwas wie echte Menschen (Außerirdische, Fabelwesen, … ) sein. Das bedeutet zum einen, dass sie sich wie echte Menschen benehmen. Sie agieren manchmal irrational, sie machen Fehler, treffen uninformierte Entscheidungen, müssen über ihren eigenen Schatten springen (und versagen dabei), irren sich, sind schlecht gelaunt oder ungeduldig, abgelenkt, … – was auch immer.

Zum anderen haben echte Menschen ihre Macken. Sie sprechen auf eine bestimmte Weise, ziehen beim Betreten der Wohnung die Schuhe aus (oder auch nicht), schlafen nur mit Hut oder essen gern Bananen-Mayonnaise-Sandwiches.

Und da wird es beim Schreiben manchmal schwierig. Denn es soll ja nicht jede Figur ein Abklatsch unserer eigenen Vorstellung von der Welt sein. Sonst wären die einander alle ziemlich ähnlich, das wäre eine langweilige Geschichte. „Das Buch über drei Leute, die sich in allem einig waren, und in dem nichts Aufregendes passiert“ – würdest du das kaufen? Wobei, was weiß ich über den Buchmarkt? Vielleicht also ja und schon.

Ein frischgebackener Elternteil in meinem Bekanntenkreis erklärte mir vor Jahren mal: „Meine Kinder werden nicht darauf gedrillt, Bitte und Danke zu sagen. Das machen nur Schwächlinge.“

Das kann man jetzt so machen – keine Sorge, den Kindern geht es gut und sie haben ein altersgerecht akzeptables Level an Höflichkeit erreicht – aber mir kommt das total strange vor. Wenn ich also so eine Figur wie den Elternteil schreibe, müsste ich mich intensiv mit deren Weltbild befassen: Warum gilt Höflichkeit als Zeichen von Schwäche? Wie interagiert sie mit ihrer Umwelt? Grüßt sie beim Bäcker? Drängelt sie sich vor, oder lässt sie Leuten an der Kasse den Vortritt? Schenkt sie nur sich selbst Kaffee ein oder auch anderen, und wer kriegt die erste volle Tasse? Wie geht sie mit Leuten um, die ihr gegenüber höflich sind, und was denkt sie von ihnen?

Ich vermute, so eine Person hat ein Alltagserleben, dass sich sehr von meinem unterscheidet. (Ich bin ein hinreißender Sonnenschein. Nicht lachen!)

Und wenn man dann so vor sich hin schreibt, muss man die ganze Zeit über daran denken, dass diese Person eben NICHT höflich grüßt, wenn sie wo ankommt.

Das mit dem Sprechen ist auch so ein Ding – spricht eine Figur einen Dialekt? Sagt sie öfter „ey“ oder „wallah“ oder „ähm“? Formuliert sie jede Aufforderung als Frage? Verschluckt sie manche Buchstaben? Das sollte sich in geschriebenem Dialog niederschlagen – auch, damit man die Figuren leichter auseinanderhalten kann beim Lesen. Natürlich darf man, ähm, das nicht übertreiben, ey, sonst sind nämlich alle konstant genervt, ey. Darüber hinaus spiegelt die Art, wie man spricht, das Umfeld wieder, in dem man aufgewachsen ist, und das, in dem man sich bewegt. Ein Wissenschaftler redet anders über den Klimawandel als eine Politikerin oder eine Fachperson für Kreislauf- und Abfallwirtschaft. Okay, „Fachperson für Kreislauf- und Abfallwirtschaft“ sagt im Alltag auch niemand – das sind „die von der Müllabfuhr“.

Worauf wollte ich hinaus? Ach ja. Lebendige Figuren müssen sich lebendig verhalten. Inklusive Moral und Macken.

Kennst du Geschichten, in denen das besonders gut gelungen ist?

Mehr Papier! „Hirschkönig“-Taschenbücher

In echt ist es noch schöner!

Egal, wie viele Bücher ich veröffentlicht habe, die ersten Exemplare eines neuen Buchs sind immer spannend! Darum heute auch zwei Posts. Das meiste davon geht mit auf die Leipziger Buchmesse, ein paar schicke ich vorher auf Reisen. Wer beispielsweise ein signiertes Exemplar haben möchte, kann sich direkt bei mir melden.

Aber erst einmal ist am Wochenende Basteln angesagt – Lesezeichen und der Buchkatalog für „13 mit Feder“, der Autor*innengruppe, mit der ich unter anderem auf der LBM bin. Wenn mich die Muße lässt, häkle ich auch noch ein paar Regenbogen-Patches. So ganz einfache, aus Gründen.

Außerdem findest du mich natürlich als Sorgenwandlerin bei PAN … mit neuem schickem T-Shirt. Allerdings brauchen wir wohl ein geheimes Erkennungszeichen.

Genug geschnattert. Hier warten eine Suppe und zwei Katzen auf meine Aufmerksamkeit.

Die Jagd nach dem Titel

Buchtitel sind ein Ding für sich – sie sollen direkt klar machen, welches Genre man in der Hand hält und worum es ungefähr geht, gleichzeitig aber so einzigartig sein, dass man das Buch nicht mit dreizehn anderen mit ähnlichen Titeln aus dem gleichen Genre verwechselt, wenn man darüber redet.

Ich tu mich schwer mit Buchtiteln. Das mag man gar nicht glauben (oder eben doch, ich weiß), aber … sagen wir so: Es gibt da ein Manuskript, dessen Arbeitstitel mit dem endgültigen Buch aus Gründen, die außerhalb meiner Entscheidungsmöglichkeiten liegen, gar nichts mehr zu tun hat. Wenn ich das also veröffentliche, muss ein komplett neuer Titel her. Und obwohl vorher noch ein komplettes Buch in der Warteschleife hängt, mache ich mir da jetzt schon Gedanken drüber.

Bei „Andrea die Lüsterne und die lustigen Tentakel des Todes“ hatte ich das große Glück, dass der Chaospony Verlag den Arbeitstitel einfach so übernommen hat. Der hat aber auch gepasst.

Die Schattenfall-Titel stehen schon alle fest und ergeben sich aus der Reihenfolge und den ungefähren Plots. Außerdem sind sie ja formularisch aufgebaut, das schränkt mich glücklicherweise ein wenig ein. Dass ich schon grob weiß, wie ich die Cover haben will, ist auch etwas Neues.

Ein anderes Projekt hat den Arbeitstitel „Dämonenscheidung“. Den KANN ich so nicht nehmen, weil er der Geschichte nicht gerecht wird. Was am Ende da stehen soll? Keine Ahnung!

Langer Rede kurzer Sinn: Ich habe keine Ahnung von Buchtiteln. ^^

Und jetzt zu dir – welchen Buchtitel fandest du, gemessen an der Geschichte, besonders gelungen (oder besonders irreführend)?

Hirschkönig – altes Buch, neues Gewand. Möglicherweise nekromantisiert.

Buchcover "Hirschkönig", Diandra Linnemann. Grün- und Schwarztöne, bewaldete Hügel. Vor einem Vollmond die Silhouette eines Mannes im Fellmantel mit Schwert, nach unten gerichtet, die in die Silhouette eines Hirsches übergeht. Über seiner Schulter kreist eine Krähe.

Es ist da! Es ist da!

Ab sofort kannst du den „Hirschkönig“ in der Neuauflage mit weniger Tippfehlern, minimalen Textverbesserungen und wundervollem neuem Cover bestellen. Am liebsten natürlich HIER, aber versuch es auch beim Händler deines Vertrauens. Mit Titel, Autorin und/oder ISBN sollte sogar der lokale Buchhandel es bestellen können, sobald es einmal in alle Systeme eingepflegt ist.

Natürlich, wenn ich das Buch heute schreiben würde, sähe es anders aus. Das passiert, wenn man sich als Mensch und Autorin weiterentwickelt. Aber ich wollte eben nur grobe Schnitzer entfernen, nicht alles komplett überspachteln.

Ob ich jemals wieder ein Buch mit historischem Hintergrund schreibe? Wer weiß? Es war eine Menge Recherche – und trotzdem habe ich jetzt noch einige Fehler gefunden und korrigiert. Hat natürlich Vorteile, wenn man sich auf etwas beruft, was tatsächlich so oder so ähnlich passiert ist – anstatt sich alles merken zu müssen, kann man im Zweifel einfach nachschlagen. Aber man MUSS eben auch alles nachschlagen. Keine Ahnung, wie andere Leute ihre Recherche organisieren, daran wäre ich schon bei der Diplomarbeit beinahe gescheitert.

DER KLAPPENTEXT:

Ein historischer Roman über Freiheit, Liebe und Magie.
Beinahe die gesamte bekannte Welt ist von den Römern unterjocht. Mit einer Mischung aus Bestechung, Überredung und roher Gewalt haben sie die freien Stämme Germaniens an das römische Reich gebunden. Junge Männer werden als Geiseln nach Rom gebracht. Dort sollen sie mehr über die Errungenschaften der modernen Welt lernen, auf dass sie den Segen der Zivilisation in ihre Dörfer tragen.
Der junge Cherusker Siegfried ist einer von ihnen. Jahre später kehrt er zurück, um den Römern  am Rhein  mit Rat und Tat zur Seite zu stehen und zu verhindern, dass Chaos und Gewalt sich in den germanischen Wäldern ausbreiten. Schon bald nach seiner Rückkehr kommen ihm jedoch die ersten Zweifel.
Mit Hilfe von Freunden und Familie arbeitet er daran, einen selbstmörderischen Plan in die Tat umzusetzen. Sein Gegner: Niemand Geringeres als die stärkste Armee der Welt. Und am Ende muss er lernen, dass alle Siege nichts wert sind, wenn die Liebe seines Lebens unerreichbar bleibt.

Niemand ist hier konsequent!

Gewiss habe ich schon das eine oder andere Mal erzählt, dass ich beim Roman-Schreiben am liebsten mit Plot vorgehe. Ich verbringe mehrere Tage, manchmal Wochen damit, alle relevanten Szenen zusammenzustückeln und mir genau zu überlegen, was wohin gehört und was wann passieren muss, damit das dann passieren kann.

Bei Kurzgeschichten mache ich das genaue Gegenteil. Die schreibe ich fast immer für Ausschreibungen oder Wettbewerbe. Das Thema rolle ich eine Weile in meinem Kopf herum, bis ich eine Idee habe – eine Ausgangsszene, eine Atmosphäre, einen Charakter. Und damit setze ich mich direkt hin und fange an zu schreiben, bis mir das „was kommt als nächstes?“ ausgeht. Manchmal mache ich so über mehrere Tage weiter, bis die Geschichte fertig ist, manchmal reicht eine einzige Sitzung. Aber ja, Kurzgeschichten entstehen auch bei mir „im Blindflug“, da bin ich Pantserin (von „writing by the seat of your pants“, also quasi ohne Plan drauflosschreiben).

Dabei sind Kurzgeschichten gar nicht notwendigerweise weniger komplex als Romane. Aber sie sind kürzer und leichter zu überblicken. Wenn mir mittendrin einfällt, dass ich am Anfang etwas falsch verstanden oder dargestellt habe, kann ich fix zurückgehen und das mit einem oder zwei Sätzen geradebiegen.

Beim Roman geht das nicht so einfach. Da muss man oft ganze Kapitel umschreiben, die Reihenfolge ändern, komplette Figuren herausnehmen oder ändern. Deswegen findet dort die „Entdeckung“ beim Plotten statt, wenn ich noch mit wenig Aufwand Dinge ändern kann.

Natürlich gibt es immer Ausnahmen. Manchmal plane ich eine komplexe Geschichte, für die es eine schwierige Zeichen- oder Wortzahl-Begrenzung gibt, detailliert vor, damit alles im richtigen Rhythmus passiert. Und auch im schönsten geplanten Roman schmeiße ich gelegentlich mittendrin alles um, wenn mir eine bessere Idee kommt oder die Geschichte sich anders entwickelt hat, als ich erwartet hatte.

Und das Schöne ist: Niemand wird es je erfahren. Schließlich seht ihr immer nur das Endprodukt. Ob das ein Glücksgriff war oder ein dampfender Ideenhaufen oder das Ergebnis akribischer Planung, bleibt mein Geheimnis. ^^

Hirschkönig v2 coming soon

Jetzt warten nur noch der Buchsatz und die letzten Feinheiten am Cover, dann ist die überarbeitete Version vom „Hirschkönig“ endlich fertig. Eigentlich mach ich das ja nicht, mich ewig an alten Geschichten reiben. Aber bei der hier war ich irgendwie schon der Meinung, sie verdiene ein neues Cover. So ein richtiges, das nach Buch aussieht und nicht nach Arbeitsbeschaffungmaßnahme im Deutsch-Grundkurs in der Oberstufe, wenn der Kunstlehrer als Vertretung einspringt. Und wenn es schon ein neues Cover geben soll, kann ich auch gleich die Tippfehler rausmachen, oder etwa nicht?

Am Inhalt habe ich nicht viel gefeilt, das sage ich direkt dazu. Ein paar unschöne Anfänger-Fehler ausgebügelt, einige Wiederholungen reduziert, an anderen Stellen etwas ausgebaut oder der Klarheit zuliebe umformuliert. Danach habe ich mir hart auf die Finger geklopft. Die fließenden Perspektivwechsel beispielsweise habe ich behalten, obwohl sie heute weniger gebräuchlich sind.

Heute würde ich die Geschichte natürlich ganz anders schreiben. Aber dann wäre es auch ein anderes Buch. Also, klar wäre es ein anderes Buch. Ich bin ja auch nicht mehr die gleiche Person wie vor zwölf Jahren. Verstehst du, was ich meine?

Auf jeden Fall hoffe ich, dass ich den neuen „Hirschkönig“ zur Leipziger Buchmesse mitbringen kann. Den leicht verbesserten Klappentext könnt ihr auf der Buchseite schon sehen, das neue Cover kommt auch noch. Meine Patreont*innen kennen eine Version schon, aber das ist noch nicht die finale, darum lade ich sie hier nicht hoch. Ein wenig muss es ja spannend bleiben, nicht wahr?

Welche Geschichte würdest du komplett neu schreiben, wenn du könntest? Oder von welcher Geschichte wünschst du dir eine neue, modernisierte und/oder verbesserte Version?

Die Sache mit Tina

Ich mag es nicht, wenn Leute erzählen, ihre Figuren hätten ein Eigenleben und kämen quasi fertig zu ihnen – das mag sich manchmal so anfühlen. Eigentlich offenbart so eine Aussage aber nur begrenztes Verständnis des eigenen Schreibprozesses.

Und weil mich das so ärgert, erzähle ich euch heute von der Sache mit Tina.

Wer „Willkommen in Schattenfall“ gelesen hat, kennt und liebt Tina wahrscheinlich – eine kleine blonde Schrottplatzbesitzerin mit schnoddrigem Mundwerk und wenig Geduld. Ich behaupte mal ganz dreist, im endgültigen Buch wirkt sie, als hätte sie genau so an genau diese Stelle gehört und da eigentlich schon immer gelebt. Dabei hat gerade Tina eine komplizierte Entstehungsgeschichte.

Beispielsweise wusste ich früh, dass ich eine Schrottplatzbesitzerin mit Dobermann habe. Aber wie sie redet oder aussieht, was ihre Hintergrundgeschichte ist – das pingte so vor sich hin und änderte sich andauernd. Ich konnte sie einfach nicht fassen. Aber das liegt nicht daran, dass sie keinen Bock gehabt hätte, mit mir zu reden. Nee, ich hatte mir einfach nicht ausreichend Gedanken darüber gemacht, wer unter diesen Umständen einen Schrottplatz in Schattenfall führen würde. Am deutlichsten wurde das an der Haarfarbe, die änderte sich in den ersten drei Entwürfen andauernd. Auch meine Testleser*innen wurden mit Tina nicht warm. Es war ziemlich deutlich, dass sie ein Stand-In war – ein Pappaufsteller mit der Aufschrift: „Hier könnten Sie einen voll entwickelten Charakter sehen!“

Jetzt taucht Tina nur am Rand auf. Das, was sie für die Geschichte tut (dafür sorgen, dass Holger Thomas nicht direkt wieder aus Schattenfall vertreibt) hätte eine beliebige Menge anderer Charaktere auch tun können. Jedoch hat es mich geärgert, dass ich keine bessere Tina auftreiben konnte. Bis mein Unterbewusstsein, das erstaunlich fleißig an Schreibproblemen herumkaut, ehe ich auch nur ahne, dass ich ein Schreibproblem habe, die Lösung ausspuckte:

Tina ist eine Walküre.

Logisch!

Auf einmal hatte ich ihre Haarfarbe, ihre Sprechweise, eine Erklärung für ihre ungeduldige Art. Einfach alles passte zusammen.

Einmal mehr: Tina ist kein ätherisches Wesen, das in der Phantasiewelt darauf gewartet hat, dass ich sie hervorlocke. Tina ist definitiv ein Produkt meiner eigenen kleinen verdrehten Phantasie. Aber erst, als ich genügend Informationen über ihren Hintergrund hatte, konnte sie in der Geschichte richtig Raum einnehmen.

Dass dabei Thomas‘ Fuß unter ihrem Hammer gelandet ist, war ein unbeabsichtigter Nebeneffekt.

Aber irgendwas ist ja immer.

„Save the Cat“ kennt ihr ja schon, jetzt kommt …

… GERETTET VON DER KATZE!

Nahaufnahme: Eine getigerte Katze liegt entspannt auf einer grauen Sofa-Armlehne. Im Hintergrund Lichter, Bücher und Chaos.
Floppy cat is happy cat!

Der Mann so.

Ich kann nämlich nicht streiten, wenn ich lachen muss.

Genau das ist aber vor ein paar Tagen passiert. Wir haben auf dem Sofa enthusiastisch ein Thema diskutiert, wie das manchmal auch unter den harmonischsten (und unter den gleichgültigsten) Paaren passiert.

Und immer, wenn eine kurze Gesprächspause eintrat, hat Mara sich zu Wort gemeldet.

„Miau.“

„Mroar!“

„Mjepp?“

„Miaumiau.“

Echt, Kinder, so kann ich nicht arbeiten streiten.

Im Ernst. Ich weiß nicht einmal mehr, worum es ging. War wohl nicht so wichtig. Und Miss Mara Miezifu Minimau, kleine Killerkatze und flauschige Friedensstifterin, hat die Brisanz der Irrelevanz schnurrhaarscharf erkannt.

(Wer es nicht kennt: „Save the cat“ ist ein beliebter Schreibratgeber. Ursprünglich für das Drehbuchschreiben entwickelt, gibt es heute viele Ableger für andere Schreibbereiche. Ich hab noch nicht damit gearbeitet, aber ich kenne reichlich Schreibende, die darauf schwören.)