Es hätte ja so schön sein können

Alles ist zeitgerecht fertig. Alle Korrekturen, sämtlicher Input ist verarbeitet, das Cover ist so fertig, wie ich es kriege, sogar CreateSpace ist besiegt – dafür brauche ich üblicherweise drei verschiedene Browser und ein schwarzes Zicklein, um es den Göttern der modernen Technik zu opfern.

Noch zwei Sätze ins Manuskript eingefügt, die letzten Aktualisierungen für die Vorbestellungen bei KDP eingepflegt – und was sehe ich, NACHDEM ich auf „veröffentlichen“ geklickt habe?

EINEN VERDAMMTEN TIPPFEHLER.

IM TITEL.

AUF DER AMAZON-PRODUKTSEITE.

Echt ey, sowas ist typisch für mich …

Wie lange braucht so eine Geschichte eigentlich?

Klar, gelesen ist so ein Buch in wenigen Tagen. Geht mir ja nicht anders. Aber wie lange braucht man von der ersten Idee bis zum kompletten Manuskript? Kann man das ausrechnen?

Na ja, bedingt. Wenigstens das eigentliche Schreiben. Wenn man weiß, das fertige Buch wird mindestens X Wörter lang und man schreibt im Schnitt Y Wörter an Z Tagen pro Woche, dann hat man eine Faustformel, nach der man planen kann – selbstverständlich immer mit ausreichend Puffern für unerwartete Events. Das Überarbeiten lässt sich ähnlich planen.

Aber wie lange braucht man für die ganzen Vorarbeiten? Da wird es schwierig. Das lässt sich nämlich nicht immer eindeutig planen. Als ich 2011 anfing, „Allerseelenkinder“ zu schreiben, hatte ich die Idee für ein Buch. Am Ende kam dann die Idee für das zweite Buch, und da war klar, wie die Reihe aussehen sollte. Das eigentliche Finale kenne ich selbst erst seit diesem Sommer. Das wären dann also sechs Jahre für die komplette Idee, und ich hoffe, dass ich euch Ende nächsten Jahres einweihen kann. Also insgesamt etwa sieben Jahre.

Bei dem, was ich danach schreiben möchte, sieht es ähnlich schwammig aus. Erst hatte ich einen Charakter. Einen ehemaligen Auftragskiller, der sich mit mehr oder weniger legalen Nebenjobs über Wasser hält. Ein Experte für Kryptiden. Daraus ergaben sich die ersten Eckdaten für die Welt, in der die Geschichte spielt. Ich weiß gar nicht mehr, wann das zusammenkam. Eigentlich war er der Held einer Kurzgeschichte. Aber aus der Kurzgeschichte wurde plötzlich der Hintergrund für ein Abenteuer, als ich begriff, wer die zweite Person in der Geschichte war.

Zunächst unabhängig davon hatte ich eine andere Figur, ebenfalls vom Rand der Gesellschaft. Gelegenheitsdiebin, ehemaliger Junkie, mit einigen besonderen … Begabungen, sagen wir mal. Ich will ja auch nicht zuviel verraten. Aus der Geschichte dieser Figur ergab sich dann plötzlich der Plot, der die beiden verschiedenen Welten zusammenbringt.

Das ist quasi der Kern der Geschichte. Zwei Leute, die etwas erreichen wollen, und eine weitere Person, die das verhindern will. Das trage ich schon mehrere Jahre mit mir herum, knabbere an den Kanten und versuche, die Details und Plot Twists auszubügeln. Während ich also noch mit konkreten anderen Geschichten beschäftigt bin, läuft das im Hintergrund, bis es eine kritische Masse erreicht hat.

Tja, und das ist jetzt allmählich der Fall. Die Figuren spuken mir im Kopf herum, ich weiß mehr über die Welt, in der die Geschichte spielt, und es juckt mich in den Fingern, endlich loszulegen.

Gut, dass ich dafür noch keine Zeit habe. Das Warten wird mir helfen, die kleinen Details zu regeln. Aber den Plot kann ich schon aufstellen. Alles inoffiziell und heimlich natürlich, während ich noch in erster Linie mit anderen Manuskripten beschäftigt bin. Aber wenn ich es jetzt nicht aufschreibe, vergesse ich es vielleicht, und das muss auf jeden Fall verhindert werden.

Die meisten Autoren warten händeringend auf diesen Moment, in dem die Figuren lebendig werden und vom Papier springen wollen. Wenn wir das erreicht haben, haben wir lebendige Figuren – nicht nur Charakterschablonen, sondern so etwas wie echte Menschen, mit denen man gerne Zeit verbringen will. Und das ist wichtig, denn diese Figuren sind für lange Zeit unsere ständigen Begleiter.

Mit dem Schreiben und Überarbeiten ist es also nicht getan. Zum Glück kann das Träumen und Planen und Ausprobieren vorher passieren, während man spült, bei der Post in der Schlange steht oder spazieren geht. Das Autorendasein ist also doch ein 24/7-Job, selbst wenn man nebenbei noch ins Büro geht oder am Fließband steht. Darum sind wir alle auch so seltsam. ^^

Lektoratsleiden

Wie viele Runden sind es jetzt schon?

Einige Autoren schwärmen davon. Andere – so wie ich – leiden ganz fürchterlich.

Die Rede ist vom Lektorat.

Immer wieder höre ich, dass die ganzen Überarbeitungen doch das Schönste seien, denn am Ende stünde eine wirklich logische, polierte, in sich geschlossene Geschichte, die man getrost der Außenwelt präsentieren könne.

Mir geht es da anders. Den ersten Entwurf schreibe ich mit Feuereifer. Es juckt mich in den Fingern, an die Tastatur zu kommen, damit ich mich austoben kann. Alles ist neu und aufregend! Die Überarbeitungsrunden … nicht so sehr. Eigentlich, finde ich heimlich, könnte ich diese lästigen Nebensachen durchaus meinem persönlichen Sekretär überlassen.

Diese Idee hat leider zwei Haken:

Erstens habe ich keinen persönlichen Sekretär. (Ich prangere das an!)

Und zweitens handelt es sich bei den Überarbeitungen eben nicht nur um „lästige Nebensachen“. Ich weiß nicht, wie oft ich es schon gesagt habe, aber: Nur weil etwas in meinem Kopf Sinn ergibt, bedeutet das noch lange nicht, dass es auch den Erstkontakt mit der Realität überlebt. Und da kommen meine heißgeliebten Helferlein ins Spiel – Lektoren, Testleser, kluge Köpfe. Die gucken sich das alles an, ziehen eine Augenbraue hoch – oder auch beide – und dann geht die echte Arbeit los.

Heute morgen ist Bob das nächste Mal ins Lektorat zurückgekehrt. Und ich hoffe wirklich, da bleibt er erst einmal. Ich will nämlich unbedingt an der nächsten Geschichte mit „Magie hinter den sieben Bergen“ arbeiten!

Er-Schöpfer von Welten

Gerade, wenn man Fantasy, sei es Urban Fantasy oder High Fantasy, vielleicht auch Horror oder Science Fiction schreibt, kommt eine Menge Arbeit auf einen zu, von der man im Buch am Ende nichts merkt. Wenigstens, wenn der Autor es richtig gemacht hat.

Ich rede natürlich vom Weltenschaffen.

Welten? Auch bei Urban Fantasy?

Überraschenderweise ja.

Und vor allem: Es ist bei Weitem nicht so einfach, wie es scheint.

Nehmen wir einmal an, ich will einen High-Fantasy-Roman schreiben, der in einer mittelalter-ähnlichen Welt spielen soll. Der Hauptkonflikt ist der zwischen zwei verfeindeten Stämmen, und es geht um eine Quelle, denn seit langem herrscht Trockenheit in der Region, in der sie leben.

Klingt ganz einfach, oder?

Tja … der eine Stamm besteht in erster Linie aus Bauern. Behaupte ich mal. Bietet sich ja auch an. Bauern brauchen Wasser. Bauern brauchen allerdings auch Felder. Meinen Plan, eine Schlacht im Gebirge direkt an der Quelle stattfinden zu lassen, kann ich also vergessen, oder?

Halt. Vielleicht bauen die Bauern eigentlich eine Art Reis an. Oder sie leiten das Wasser über Schächte hinunter ins Tal. Ja, das gefällt mir. Meine Bauern leben in einem Tal, in dem zunehmende Trockenheit herrscht, und aus irgendeinem Grund gibt es nur noch an einer Stelle im sie umgebenden Gebirge Wasser.

Der andere Stamm besteht aus Ziegenhirten. Das bietet sich an, denn Ziegen leben gerne im Gebirge. Vielleicht reiten sie gerne lange Strecken auf ihren Kamelen, um – nee, Kamele kommen im Gebirge nicht gut klar. Elefanten übrigens auch nicht, das hat Hannibal schon ausprobiert.

Worauf ich mit diesem abstrusen Beispiel hinaus will: Wer Welten bauen will, muss die Regeln dieser Welt kennen. Er muss wissen, wie das Klima ist, welche Pflanzen wachsen und wie sich die Kulturen, über die er schreibt, zusammensetzt. Sind es kriegerische Völker, Nomaden, ist es eine Schriftkultur? Verstehen sie Geld oder pflegen sie Tauschhandel? Was für Religionen gibt es? All diese Dinge spielen nämlich eine Rolle dafür, wie meine Charaktere sprechen. Was sie anziehen – in einer Eiswüste trägt man andere Kleidung als in einem Regenwald, und die Frauen eines Reitervolkes sind wahrscheinlich eher selten in knöchellangen, hautengen Kleidern anzutreffen. Sprichwörter beziehen sich auf Kulturen, und schon die Frage, ob ein Charakter „Oh Gott“ oder „Oh Göttin“ oder „Bei den Göttern“ sagt, verrät viel über die jeweilige Kultur.

Und wenn ich eine Urban-Fantasy-Geschichte in der realen Welt spielen lassen will, gelten ähnliche Regeln. Meine Erfindungen müssen plausibel sein. Es gibt nun einmal in einem Süßwasserteich keine Meerjungfrauen – oder wenigstens nicht lange, denn der Aufenthalt in Süßwasser dürfte sie ziemlich schnell dahinraffen. Grabende Fantasiewesen werden nicht in Sümpfen oder in felsigen Gebirgen leben, und Eisdämonen nicht in Koblenz.

Oft, wenn ich die ersten Entwürfe von Fantasyautoren lese, stolpere ich genau über solche Sachen – und ich habe das am Anfang ähnlich dumm gemacht. In den frühen Fassungen des Hirschkönigs war immer mal wieder die Rede von Sekunden und Minuten, dabei hatten diese Zeiteinheiten für die alten Germanen gar keine Bedeutung. Wenn mir also in einer bunt gemischten Versammlung lauter Charaktere begegnen, die alle gleich – vielleicht auch noch möglichst gestelzt und pseudomittelalterlich – sprechen, wenn Bettler in einem Infodump detailliertes Wissen über die Politik ausbreiten oder die bäuerliche Gesellschaft ihre Weizenfelder in den Sümpfen Katzoniens liegen hat, dann stört mich das. Dann denke ich nämlich: Dieser Autor hat sich von seiner Fantasie hinreißen lassen. Er ist von seiner eigenen Kreativität verführt worden. Und vor allem hat er dabei nicht eine Sekunde lang darüber nachgedacht, ob irgendwer ihm diesen Unsinn abkauft.

Und falls sich jemand diese ganze Arbeit macht, besteht direkt das nächste Problem: Wie soll der Leser wissen, das wir uns so viel Arbeit gemacht haben? Da werden dann elaborierte Stammbäume aufgestellt, historische Abrisse als Vorwort oder „einleitende Erklärung“ verfasst oder ganze „Schaut nur, wie  klug ich bin!“-Absätze geschrieben. Dabei sollte es uns Autoren eigentlich genug des Ruhmes sein, wenn der Leser vergisst, dass wir diese Welt aus einer Laune heraus geschaffen haben, weil sie so in sich logisch aufgebaut ist, dass er uns einfach glauben MUSS.

Denn letztendlich müssen wir Autoren ja nicht nur Er-Schöpfer von Welten, sondern auch ziemlich gewiefte Lügner sein.

Es wird immer einfacher – und das ist nicht gut

Was immer einfacher wird?

Das Nicht-Schreiben.

Ich weiß aus Erfahrung, dass ich viel leichter zu ertragen bin, wenn ich regelmäßig schreibe – und es macht mir Spaß. Leider passiert es immer mal wieder, dass ich meinen Tages- und Wochenplan so voll packe, dass Kompromisse notwendig werden.

Bürojob, Haushalt und Schreiben? Das sind ja gleich drei Wünsche auf einmal!

Um allen Anforderungen gerecht zu werden, spiele ich immer mal wieder mit meinem Tagesablauf herum. Und nach einem Monat Experimentieren kann ich eindeutig sagen: Abends Schreiben funktioniert für mich nicht. Vor allem deswegen, weil die (Haus-)Arbeit nie fertig ist, und wenn ich dann irgendwann doch aufgebe und auf dem Sofa kollabiere, habe ich alles andere im Kopf … nur um die absurden Abenteuer will ich mich dann nicht mehr kümmern. Und je länger ich das Schreiben ausfallen lasse, desto leichter fällt es mir, nicht zu schreiben. Dann bin ich nicht mehr die Autorin, sondern die Übersetzerin/Hausfrau, die einige Bücher geschrieben hat.

So soll das natürlich nicht sein. Schließlich wollen wir alle Falks Familie kennenlernen und wissen, was als nächstes passiert. Also habe ich mal wieder einige Pläne über den Haufen geworfen und mir meine morgendliche (halbe) Stunde zum Schreiben erobert. Dann bleibt das Geschirr eben stehen, und Staubsaugen vor der Arbeit ist auch nicht unbedingt notwendig. Und die Katzen lieben den Wäscheberg sowieso.

Daher kommt also der Begriff „kreatives Chaos“.

Die Autorin privat und im Klischee

Heutzutage ist es unglaublich leicht, jeden Unsinn, der einem spontan in den Kopf kommt, direkt zu veröffentlichen. Auf Facebook oder Twitter, im Blog oder sogar als eBook. Und so mancher Autor hat sich dabei auch schon hübsch in die Nesseln gesetzt. Da wird geschimpft, gejammert, beschuldigt oder offensichtliches Fehlverhalten mit fadenscheinigen Ausreden beschönigt. Und viele merken erst, wenn es zum ersten Mal Gegenwind gibt, dass diese Strategie vielleicht keine so gute ist.

Natürlich wollen wir als Autoren menschlich wirken, damit die Leser sich freuen, mit uns zu kommunizieren, und vielleicht sogar eine Bindung zu uns aufbauen. Dabei vergessen wir dann allerdings gegebenenfalls, dass die Autorin, die so grandiose Bücher schreibt wie unsere, in den Köpfen der Leser vielleicht gar keine leidenschaftliche rheinische Fleischfachverkäuferin ist (oder Übersetzerin mit widerspenstiger Frisur und nicht zusammenpassenden Klamotten, auf denen sie Kaffeeflecken sammelt), sondern ein feinsinniges Wesen mit Armstulpen und klassischer Musik im Hintergrund.

Ob ihr es glaubt oder nicht, auch ich differenziere minimal zwischen Privat-Diandra und Autorin-Diandra. Beispielsweise kennt Privat-Diandra Schimpfwörter, von denen Autorin-Diandra sich nicht einmal träumen ließe. Und sie benutzt sie auch recht großzügig. In mehreren Sprachen. Außerdem trägt sie für ihr Leben gerne pinkfarbene Jogginghosen, wenn sie nicht gerade im Büro ist, aber auch diesen Anblick mutet sie der Öffentlichkeit nur selten zu. Und politische oder gesellschaftliche Rants lässt sie nur im Notfall los. Sie – also ich, wenn man es genau nimmt – tja, ich finde eben, dass Politik und die großen Gesellschaftsfragen im Büro nichts zu suchen haben. Und als Autorin ist das Internet oft mein Büro. Eine besonders gute PR-Fachfrau bin ich nicht, doch ich bemühe mich schon ein wenig, Beruf und Vergnügen Politik und Vergnügen zu trennen. (Natürlich ist das Autorendasein Beruf und Vergnügen gleichzeitig. Was denkt ihr denn? Dass ich das für den Ruhm mache? Pah!)

Ganz oft sitze ich also als Autoren-Diandra an der Tastatur, will irgendwen mit dem WLAN-Kabel würgen oder so lange mit Buchstaben-Bauklötzen bewerfen, bis er etwas Kluges schreibt – und verkneife mir dann doch (fast) jeden bösen Kommentar, weil das nichts ist, das ich mit meinem Autoren-Dasein assoziiert wissen möchte.

Und falls ich also doch mal etwas schreibe, was euch übel aufstößt, tröstet euch einfach damit, dass die analoge Version wahrscheinlich viel schlimmer klang als das, was ihr lesen musstet. (Glaubt ihr nicht? Fragt die Kolleginnen. ^^ )