Meine Güte, hat dieses Buch sich gewehrt … doch jetzt sind wir uns endlich einig. Rosalindas Geschichte ist so spannend wie herzzerreißend, und ich hoffe, ihr folgt ihr (und mir!) nach Schattenfall!
Nichts wie weg!
Rosalinda hält nichts von den Plänen, die ihre Mutter für sie geschmiedet hat. Also reißt sie aus. Den goldenen Gott nimmt sie mit. Doch aus ihrer Flucht wird nichts – nach einer überraschenden Erkenntnis sitzt sie in Schattenfall fest. Ausgerechnet im Dorf ihrer Erzfeinde! Anstatt die große weite Welt zu erkunden, muss sie sich mit ihren neu erwachten Fähigkeiten auseinandersetzen … und mit den Vorurteilen, die sie sich und anderen gegenüber gepflegt hat.
Die Hexen sind ihr jedoch dicht auf den Fersen. Sie sind fest entschlossen: Rosalinda muss ihr Schicksal als angehende Hohepriesterin erfüllen. Ein aufregendes Katz-und-Maus-Spiel endet erst, als die Erde bebt. Nahende Bedrohungen und vergessene Magie zwingen Schatten und Hexen zur Kooperation. Können sie ihre Differenzen lang genug auf Eis legen, um den Wald rund um Schattenfall zu retten?
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Leseprobe:
[…] Doch als sie endlich die Brücke erreichte, geschah etwas Merkwürdiges. Rosalindas Füße schienen auf dem Boden anzufrieren. War das ein Zauber? Keinen einzigen Schritt konnte sie weitergehen. Was für eine schrecklich dumme Idee! Was machte sie nur hier? Vielleicht sollte sie nach Hause zurückkehren. Bestimmt konnten sie über alles reden. Erika würde ihr zuhören. Möglicherweise hatte sie etwas übersehen. Das Blut und der Fluss rauschten in ihren Ohren. Sie sah zum Wald zurück, als verstecke sich die Antwort in den Schatten.
„Was machst du denn hier?“
Rosalinda zuckte zusammen. Sie hatte ihn gar nicht näherkommen gehört. Thomas. Der Neue. Der Typ mit der Gans und der Wassermagie. „Ich denke nach.“
Er kam ihr über die Brücke entgegen, als sei es die einfachste Sache der Welt. „Über eine Umschulung zum Eiszapfen?“
„Und du?“
„Ich hab Helga besucht.“
„Ich meine, was machst du hier draußen?“
„Ich geh nach Hause.“
„Wo ist deine Gans?“
„Geronimo? Dem war zu kalt. Komm mit.“ Er ging an ihr vorbei, ohne stehenzubleiben. Als bestehe nicht der geringste Zweifel daran, dass sie ihm folgen würde.
Und da sie die Brücke nicht überqueren konnte, da es kalt und dunkel war und sie nicht wusste, wohin sonst sie gehen konnte, beschlossen ihre Füße, genau das zu tun.
Eine Weile folgten sie schweigend dem Waldweg am Flussufer. Statt auf Rollsplit liefen sie auf festgetretenem Schnee, der in der Dunkelheit bläulich schimmerte. Es war glatt. Schwarze Baumstämme säumten den Weg. Ab und zu hörte man einen Specht gegen gefrorenes Holz hämmern. Über ihren Köpfen knarzten die Äste unter der Winterlast. Links von ihnen gluckerte das Wasser unter dünnen Eisrändern.
Schließlich blieb Thomas stehen – so abrupt, dass Rosalinda beinahe gegen ihn geprallt wäre. „Mi casa es su casa.“
„Gib nicht so an.“ Sie sah auf und bemerkte, dass sie vor den Überresten einer alten Mühle standen, die sich hier am Waldrand perfekt getarnt hatte. „Diese Bruchbude ist dein Zuhause?“
„Innen sieht es besser aus. Wir renovieren noch.“ Er stieg ein paar ächzende Stufen hinauf zu einer altersschwachen Plattform und zückte einen schmiedeeisernen Schlüssel. „Die Mühle gehört Helga. Sie lässt mich hier wohnen.“
Rosalinda folgte ihm vorsichtig, während er aufschloss. Das Holz unter ihren Füßen war glatt vor Nässe. Als die Tür sich öffnete, ergoss sich ein Schwall warmer Luft über sie.
Sie zögerte. „Was glaubst du, was jetzt passiert?“
Er betrat die Mühle und balancierte auf einem Bein, um die Schnürsenkel seiner Turnschuhe aufzukriegen. Von irgendwoher ertönte verschlafenes Schnattern. „Ich dachte, wir trinken einen Tee. Du bist abgehauen, nicht wahr? Den Gesichtsausdruck kenne ich. Jetzt komm schon rein, es wird kalt!“
Zur Not, dachte Rosalinda, trete ich zu und verfluche ihn. Sie stampfte den Schnee von ihren Stiefeln. Tief durchatmen. Was war das Schlimmste, was ihr passieren konnte?
„Deine Schuhe können dort vorn trocknen.“ Thomas wies auf ein wackliges Regal aus alten Obstkisten neben der Tür. „Ich setz schnell Teewasser auf. Mach es dir schon mal bequem.“
Rosalinda zögerte. Sie sah sich um. Groß war der Raum ja nicht. Links von ihr lagen einige Sitzkissen wild durcheinander auf einem dicken bunten Teppich. Über ihrem Kopf spannten sich Dutzende bunter Lichterketten durch den Raum und funkelten an den Wänden entlang.
Zum Teekochen war Thomas auf die andere Seite des Raums gegangen, wo es eine improvisierte Küchenzeile gab – Spüle, Kühlschrank, Herd. Er schaltete eine kurze Neonröhre an, die unter einem Hängeregal voller bunter Tassen hing, und füllte den Wasserkocher. Der leuchtete blau, als er in Betrieb genommen wurde, und fing an zu zischen. „Lieber Earl Grey oder Pfefferminz? Ich hab auch noch …“ Er zog eine violette Verpackung aus dem Regal. „… Winterzauber, irgendwas Fruchtiges mit Zimt. Oder …“
„Den bitte“, sagte Rosalinda schnell, die noch mit ihren Schnürsenkeln und ihren roten, tauben Fingern kämpfte. Sie hätte Handschuhe mitnehmen sollen.
„Setz dich“, sagte Thomas und kam zu ihr herüber.
Perplex sah sie auf, verlor das Gleichgewicht und landete auf dem Hosenboden. „Autsch!“
Er kniete sich nieder und befreite ihre Füße aus den Stiefeln. Als er aufsah, waren seine Wangen knallrot. Rasch stand er auf und kehrte in die Küchenecke zurück. „Gern geschehen. Winterzauber also, hm? Hast du Hunger?“
Rosalinda antwortete nicht, denn sie war von Geronimo abgelenkt. Sie hatte ihn zunächst nicht entdeckt und fragte sich jetzt, wie das hatte passieren können. Aus der Nähe sah er riesig aus. Er hockte auf der untersten Stufe einer Leiter, die links neben der Küchenzeile in den ersten Stock hinaufführte, und musterte sie wachsam.
Thomas sah über die Schulter und lachte. „Ich sehe schon, ich bin abgemeldet.“
„Greift der mich gleich an?“
„Nur wenn du zwischen ihn und sein Futter kommst.“
[…]
